Sein erstes Opernerlebnis hatte Manuel Pujol in Frankfurt, als er Christof Nels Inszenierung der Oper „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss besuchte. Sie hatte Premiere im Frühjahr 2003, also in der ersten Spielzeit, in der Bernd Loebe Intendant der Oper Frankfurt war. Vor einigen Wochen nun wurde Pujol, der 1982 in Mainz geboren wurde, selbst von Loebe in eine leitende Position eingeführt: Als Chordirektor folgt er Tilman Michael nach, der an die Metropolitan Opera New York gegangen ist. Musikalische Erfahrungen konnte Pujol schon lange vor dem Besuch der psychologisch tiefenscharfen, bei vielen Besuchern lange nachwirkenden Frankfurter Aufführung der Strauss-Oper sammeln. Aufgewachsen im Mainzer Stadtteil Finthen, spielte er schon als Junge in seiner Kirchengemeinde Orgel. Die erste Chorerfahrung, erinnert er sich im Gespräch, habe er anlässlich einer Aufführung des Mozart-Requiems mit dem Chor des Mainzer Konservatoriums gesammelt. Im Alter von 14 Jahren ging er an die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Sachsen-Anhalt, zu dessen Schülern schon der Philosoph Friedrich Nietzsche und der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock gehörten. Pujol besuchte den musischen Zweig und blieb auch nach dem Abitur in den östlichen Bundesländern. Denn das Studium des Dirigierens und des Chordirigierens nahm Pujol in Dresden auf, und noch während eines Aufbaustudiums in Weimar ging er an das Theater in Görlitz, wo er als Chordirektor für ein Ensemble mit 19 Planstellen verantwortlich war – ungefähr ein Viertel der Chorsänger, für die er nun in Frankfurt verantwortlich ist. Zur künstlerischen Arbeit kam an dem kleinen Haus viel Organisatorisches, das er selbst erledigen musste: „Görlitz bedeutete insoweit eine One-Man-Show, aber davon profitiere ich bis heute.“ Weil er Kontakt zu allen Abteilungen des Hauses gehabt habe, das weitere Bühnen bespielte, in Bautzen, Zittau oder Hoyerswerda. In Stuttgart, Wien und Frankfurt hospitierte er: „Ich bin zu den Chordirektoren an den großen Häusern gegangen und habe einfach gefragt, ob ich zuschauen kann.“ Wie sie proben, wie sie planen, aber auch, wie sie mit Konflikten umgehen, habe ihn besonders interessiert. Das zahlte sich früh aus: Im Alter von 31 Jahren gewann er 2014 den erstmals vergebenen Deutschen Chordirigentenpreis, nachdem er in der Berliner Philharmonie im Finalkonzert mit dem RIAS-Kammerchor überzeugt hatte. Vom kleinen Chor zum großen Ensemble Die klassische Kapellmeisterlaufbahn, die von kleineren an größere Häuser führt, ist auch für Chorleiter ein guter Weg. Davon ist Manuel Pujol überzeugt, der nach sechs Jahren in Görlitz 2015 die gleiche Funktion am Opernhaus in Dortmund übernahm. Zum Opernchor dort gehörten schon mehr als doppelt so viele Sängerinnen und Sänger: „Der Chor ist auf der Bühne das Herzstück eines Opernhauses“ und sei für das Publikum identitätsstiftend, „manchmal mehr als die Solisten, die häufiger das Engagement wechseln“. Auch wenn er Orchester- und Chordirigieren studiert hatte, sei ihm schon früh klar gewesen, dass er einen Opernchor leiten wollte. Was gelegentliche Ausflüge in andere Bereiche nicht ausschließt: Mit dem Chor der Staatsoper Stuttgart hat er mehrfach geistliche Werke in Stuttgarter Kirchen aufgeführt. An das dortige Opernhaus war er 2018 gewechselt, und wieder war der Chor, für den er verantwortlich war, etwas größer geworden: „Ich finde es wichtig, diesen Weg zu gehen, denn vieles bekommt man im Studium nicht mit.“ Und je größer der Chor sei, desto wichtiger würden Planung und Effizienz der Arbeit, denn: „Vor so einer Wand von Sängern zu stehen, das macht schon etwas mit einem.“ Giacomo Puccinis „Turandot“ war jetzt die erste Premiere, für die Manuel Pujol in seiner neuen Frankfurter Funktion die umfangreichen Chorpartien einstudierte, nachdem er noch im März in Stuttgart für Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und Francis Poulencs „Dialogen der Karmelitinnen“, zwei Opern mit großen Choranteilen, geprobt hatte. Wagner sei, neben Giuseppe Verdi, auch einer seiner Lieblingskomponisten; beide hätten „tolle Sachen“ für den Chor geschrieben. „Aber ich interessiere mich für alles“, auch für zeitgenössische Musik. Moritz Eggerts Oper „Linkerhand“ nennt er, an deren Uraufführung 2008 in Hoyerswerda er beteiligt war. Von seinen Frankfurter Choristen ist er begeistert: „Von denen kommt so viel Energie, die versuche ich zu kanalisieren.“ Musikalische Kompetenz sei eine unentbehrliche Grundlage für seine Arbeit, „ohne die geht es nicht“. Man müsse klare Ideen haben, klare Vorstellungen. In der Regel studiere er die Chorpartien einer Oper schon lange vor einer Premiere komplett ein und passe sie dann den Vorstellungen des Dirigenten an. Die Abstimmung mit Frankfurts Generalmusikdirektor Thomas Guggeis lobt er: „Wir gehen musikalisch in die gleiche Richtung“. Nur dass Manuel Pujol selbst als Sänger aushelfen muss, das dürfte in Frankfurt nicht nötig sein – in Görlitz war es vereinzelt vorgekommen, dass er bei Besetzungsengpässen persönlich auf der Bühne aushalf. Wer ihn heute singen hören möchte, muss in eine andere Stadt fahren: Im Bundesligastadion seiner Geburtsstadt Mainz, verrät er, ist er gelegentlich noch in der Fankurve anzutreffen.
