Sie liefern das Abendessen, rennen den Halbmarathon schneller als jeder Mensch oder zeigen dem Bundeskanzler, wie Kung-Fu geht. Was im Westen an Bildern über chinesische Roboter ankommt, wirkt manchmal, als lebe China schon im nächsten Jahrhundert. Aber diese Bilder sind selektiv und werden mitunter ganz bewusst erzeugt. Was davon stimmt? Die humanoiden Roboter gibt es, und es gibt nirgendwo davon so viele wie in China. Aber auch die allermeisten Chinesen sind ihnen noch nie im Alltag begegnet. Zuverlässig trifft man die Roboter in Menschenform nur auf Veranstaltungen wie Messen, in Showrooms von Unternehmen, in Livestreams in sozialen Medien und im Fernsehen an. Man kann sie auch auf Plattformen wie Taobao, dem chinesischen Äquivalent zu Amazon, für umgerechnet wenige hundert Euro am Tag mieten. Manchmal nerven die Roboter fast Sie dienen aber bisher mehrheitlich dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Menschen zu unterhalten oder werden in der Forschung eingesetzt. Daten von Unitree, dem wohl bekanntesten chinesischen Roboterhersteller, zeigen, dass die humanoiden Roboter bisher nur vereinzelt dort verwendet werden, wo sie wohl ihr größtes Potential haben: in den Fabriken dieser Welt, von denen bekanntermaßen besonders viele in China stehen. Das soll weder ihre technische Qualität noch ihre Bedeutung oder die Einschätzung ihres Potentials schmälern. Die Luftsprünge, die auch die günstigsten Unitree-Roboter für weniger als 5000 Euro schon meistern, sind für Menschen wie für Roboter anspruchsvoll und ein erster Schritt, bis sie auch die Fabriken erobern. Wie so häufig besteht die chinesische Exzellenz nicht darin, als Erstes die technisch hochwertigsten Produkte zu bauen, sondern als Erstes technisch solide Produkte zu massentauglichen Preisen anzubieten. Auf Messen und Veranstaltungen treten die Roboter in China indes längst so häufig auf, dass sie fast nerven. Selbst auf zweitrangigen Agrarimportmessen, in denen es um osteuropäische Spezialitäten wie Gewürzgurken und Vodka geht, dürfen sie nicht fehlen. Der politische Apparat denkt sich immer neue Formate aus, um sie auf die Bühne zu heben: Von Marathons und Halbmarathons wie in Peking über Olympiaden bis hin zur alljährlichen Neujahrsgala des Staatsfernsehens, über die manche Chinesen schon schimpfen, sie sei zu einer Roboterpräsentation verkommen. Parteimedien im ganzen Land berichten immer wieder über neue mögliche Einsatzfelder für die humanoiden Roboter. Ob als Verkehrspolizist, als Verkäufer, als Hilfe im Haushalt oder als Assistent in Fabriken. Nicht wenige dieser Beiträge entspringen aber offensichtlich dem Bemühen lokaler Parteisekretäre, ihre technonationalistische Linientreue zu demonstrieren oder für ihren Standort zu werben. Der Verlust des Mystischen Wenn man diese mediale Dauerpräsenz nur als autokratischen Wahnsinn abtut, verkennt man, was diese bewirkt. Die latente Angst vor Künstlicher Intelligenz, humanoiden Robotern und neuer Technik im Allgemeinen in Europa rührt auch daher, dass die theoretische Debatte die lebensweltlichen Erfahrungen immer wieder überholt. Die Phantasie eilt dem Faktischen voraus. Sobald man diesen Robotern begegnet ist, sie boxen, rennen und stolpern gesehen hat, verlieren sie alles Mystische. Man entwickelt eine Vorstellung von den praktischen Hürden ihrer Einführung in den Alltag. Sie sind nicht mehr nur Gedankenspiel eines Untergangszenarios der Menschheit oder zumindest Europas. Sie sind keine Killerroboter, sondern wirken eher wie Spielzeuge und das logische nächste Kapital menschlicher Ingenuität. Das Faktische fängt die Phantasie ein. Das gleiche Phänomen lässt sich in vielen anderen Technologien beobachten. Roboterautos und das autonome Fahren geistern als Konzept seit mehr als einem Jahrzehnt durch die öffentliche Debatte des Westens. Seitdem hatten viele Leute Zeit, sich die wildesten Gedanken zu machen. Ausprobiert haben es die Wenigsten. Was ist mit dem ethisch ungelösten Weichensteller-Problem mit dem Gedankenexperiment, dass ein außer Kontrolle geratener Zug fünf Personen überfahren würde, aber ein Weichensteller den Zug auf ein Nebengleis lenken könnte, wo nur eine Person stirbt? Auch andere weitreichende Theorien über ethische Fragestellungen des autonomen Fahrens verlieren große Teile ihrer Gravitas, sobald das fahrerlose Auto das erste Mal korrekt blinkt und die Spur wechselt. Die Banalität des Praktischen. Eine Schöpfung in Iterationen Ähnlich wie mit den humanoiden Robotern entsteht auch bei den Roboterautos in der theoretischen Beschäftigung der Eindruck einer binären Situation, in der die Technik plötzlich so gut ist, dass sie allgegenwärtig ist. Tatsächlich sind es Technologien, die sich eher langsamer in der chinesischen Gesellschaft verbreiten, als es etwa Smartphones getan haben. Mit jeder Generation sinken die Kosten, steigt ihre Verbreitung und damit die Skalen, was die Kosten weiter senkt. Es sind Spiralen der Innovation. Den lokalen Parteisekretären und ihrem Bemühen, der Roboterliebe von Xi Jinping zu entsprechen, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie stehen in einem Wettbewerb darüber, wer den Roboterkonzern der Zukunft baut. Das ist die vielleicht entscheidende Funktionslogik der Industriepolitik und der politischen Ökonomie in China insgesamt. Dadurch fließen ungeheure politische Kräfte und enorme finanzielle Mittel in die Branche. Neben den bekannten größeren Start-ups wie Unitree, Agibot und UB-Tech mischt auch eine Hand voll Autokonzerne in dem Roboterrennen mit, darunter Xiaomi, Li Auto, Xpeng oder GAC. Nicht selten mit freundlicher Unterstützung des Staatsapparats. Für beides, Roboter in Auto- und Menschenform, gibt es in China Testfelder, Pilotversuche und Schritt für Schritt erste kommerzielle Anwendungen. Fortschrittliche autonome Fahrsysteme für Privatautos sind inzwischen Standard. Der Fahrer bleibt rechtlich verantwortlich und muss mitunter eingreifen. Grün-blaue Lichtstreifen am Auto zeigen der Außenwelt, dass gerade der Computer steuert. Die anderen Autofahrer, die sich durch den Feierabendverkehr nach Hause schieben, nehmen es schulterzuckend zur Kenntnis. Der Großteil der bestehenden Flotte hat diese Technologie noch nicht. Es handelt sich also eben nicht um ein plötzliches In-die-Welt-Treten von Roboterautos, sondern um Vorstufen, um ein Herantasten. Roboter sind eine Schöpfung in Iterationen, nicht in einem genialen Moment. Die Angst wird von der Theorie aufgeblasen Neben den Putzrobotern, die es auch im Westen gibt, sind die einzigen Roboter, die im Alltag im modernen China wirklich weit verbreitet sind, die denkbar banalsten und ökonomisch widersinnigsten Exemplare: Hotelroboter, die online bestellte Mahlzeiten oder andere Produkte ans Hotelzimmer bringen. Das Personal stellt die Ware in der Lobby in ein kleines Fach im Roboter, gibt die Zimmernummer ein, und schon weiß der Roboter, wohin er fahren muss. Er ist mit dem Fahrstuhl verknüpft und kann damit auch andere Stockwerke erreichen. Vor der Zimmertür klingelt er automatisch, der Gast öffnet die Tür, nimmt die Ware und gut ist. Wer neu in China ist, wird davon überrascht. Es dauert nicht lang, bis man sich daran gewöhnt hat. Die wesentliche technische Herausforderung besteht darin, die Fahrstühle, die Klingelsysteme und die Roboter miteinander zu verknüpfen. Ökonomisch widersinnig ist diese Nutzung, weil Roboter ja eigentlich teure menschliche Arbeit ersetzen sollten. Dass man sich in Großstädten aber jedes erdenkliche Produkt für wenig Geld an die Tür liefern lassen kann, liegt zu einem großen Teil daran, dass die Lieferanten auf ihren Elektrorollern wenig verdienen. Die Hotelroboter sparen also besonders die niedrigen Lohnkosten ein und begünstigen ein Geschäftsmodell, das nur aufgrund niedriger Lohnkosten möglich ist. Unabhängig davon wird jeder, der chinesische Hotels kennt, nicht eben eine Unterversorgung mit Personal oder eine Überlastung der Angestellten feststellen. Es ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Ausbreitung von Technik in Gesellschaften nicht zuerst eine ökonomische Frage ist. Im Westen herrscht Arbeitskräftemangel, nicht in China. Taxifahrer in Berlin verdienen viel mehr als Taxifahrer in Peking. Die Lohntüte deutscher Fabrikarbeiter ist nicht selten zehnmal so groß wie die der Chinesen. Und doch ist die Roboterdichte in chinesischen Fabriken höher, verbreiten sich Roboterautos in China schneller, bringen Hotelroboter in China das Essen ans Zimmer. Oder anders ausgedrückt: Es ist nicht die Ökonomie, die Robotern in Deutschland den Weg versperrt. Es ist eine von der Theorie aufgeblasene Angst, die beim ersten Kontakt mit der Banalität der Praxis zerplatzen würde. Vorerst ist für diesen Erstkontakt wohl noch eine Chinareise nötig.
