FAZ 31.05.2026
12:51 Uhr

Chemieunternehmen: Orafol bekennt sich zum Industriestandort Deutschland


Vor mehr als zwei Jahren trat der Brandenburger Spezialfolienhersteller entnervt von Bürokratie und Regulierung auf die Investitionsbremse. Doch nun hat Orafol wieder Vertrauen in die Politik gefasst.

Chemieunternehmen: Orafol bekennt sich zum Industriestandort Deutschland

Es ist ein Satz, den auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) in diesen Tagen nicht oft zu hören bekommt: „Ich glaube an den Industriestandort Deutschland.“ Für Holger Loclair, Vorstandsvorsitzender, Chairman und Hauptgesellschafter des Brandenburger Folienspezialisten Orafol, ist es mehr als ein Lippenbekenntnis. „Wir sind hier zu Hause, hier sind unsere gut ausgebildeten Facharbeiter, und was uns im Moment noch hemmt – Bürokratie, Genehmigungsverfahren –, das werden wir gemeinsam hinbekommen“, sagte Loclair bei der Grundsteinlegung für eine Produktionshalle am Hauptsitz in Oranienburg. „Wer baut, der will bleiben“, sagte der Ministerpräsident. Die Vorlage von Loclair nahm er dennoch auf. „In Brandenburg arbeiten wir daran, wieder mehr Beweglichkeit und mehr Flexibilität zuzulassen“, sagte Woidke. Mit gut 1300 Beschäftigten und knapp 580 Millionen Euro Umsatz allein am Stammsitz vor den Toren Berlins ist Orafol eines der größten familiengeführten Industrieunternehmen in Ostdeutschland. Auf der Welt beschäftigt die Gruppe etwa 3000 Mitarbeiter und kommt auf rund 870 Millionen Euro Umsatz. Das Spezialchemieunternehmen gilt als technologisch führender Hersteller von selbstklebenden Spezialfolien, die unter anderem auf Autos, Flugzeugen und Schiffen angebracht werden. Die reflektierenden Folien des Mittelständlers kommen zum Beispiel auf Nummernschildern und Verkehrszeichen zum Einsatz. Aber auch Klebebänder für industrielle Anwendungen zählen zum Produktsortiment. 250 Millionen Euro Investitionsvolumen In die neue Produktionshalle am Stammsitz investiert der Konzern mehr als 100 Millionen Euro. Schon im nächsten Jahr soll der Startschuss für ein weiteres Expansionsprojekt mit einem dreistelligen Investitionsvolumen fallen. Bis 2030 will Orafol im Rahmen der Mitte April bekannt gegebenen Wachstumsstrategie insgesamt 235 Millionen Euro in Oranienburg investieren, wobei Loclair schon etwas größer denkt. „Die nächste Halle wird etwa 120 Millionen Euro kosten. Es zeichnet sich bereits ab, dass sich die Investitionen bis 2030 bei 250 Millionen Euro einpendeln werden“, sagt er. Die Investitionen seit der ersten Grundsteinlegung von Orafol im Oranienburger Industriepark Nord vor mehr als 30 Jahren werden damit auf mehr als eine Milliarde Euro steigen. „Wir haben hier nie darauf gewartet, dass blühende Landschaften entstehen“, sagt der promovierte Chemiker Loclair, der den Betrieb seit 1987 leitet und nach der Wende die Privatisierung in die eigenen Hände nahm. Die jüngste Investitionsentscheidung ist vor dem Hintergrund der schwierigen Lage am Industriestandort bemerkenswert. Eine Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey im Auftrag der Standortinitiative „Land der Ideen“ unter 1500 Unternehmern und anderen Entscheidungsträgern in der ostdeutschen Privatwirtschaft hat ergeben, dass ein Viertel der Befragten in den nächsten drei Jahren keine Investitionen vornehmen will und ein weiteres Viertel nur Investitionen auf dem aktuellen Niveau plant. Als einen Grund für die Investitionszurückhaltung macht Civey das schwindende Vertrauen in die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen aus. Gespräche mit der Landesregierung Auch Holger Loclair war das Vertrauen in den Standort zuletzt fast abhandengekommen. Vor etwas mehr als zwei Jahren trat der Unternehmer öffentlichkeitswirksam auf die Investitionsbremse und legte alle Erweiterungspläne in Oranienburg entnervt auf Eis. Mehr als drei Jahre hatte Orafol zuvor auf die Baugenehmigung für eine neue Produktionshalle gewartet. „Ich bin hier zu Hause und fühle mich meinen Mitarbeitern extrem verpflichtet. Irgendwann reicht das als Argument aber nicht mehr aus, um hier weiterzubauen“, sagte der Unternehmer Anfang 2024 im Gespräch mit der F.A.Z. Die Landesregierung kümmere sich zwar um Großansiedlungen wie Tesla, lasse den Mittelstand aber links liegen, sagte er. Doch verloren gegangenes Vertrauen kann zurückgewonnen werden. „Mit der neuen brandenburgischen Landesregierung haben wir wieder zu sinnvollen Gesprächen gefunden. Wir haben uns gegenseitig zugehört, das war für uns sehr wohltuend. Und wir haben das erste Mal deutliche Unterstützung bekommen“, sagt Loclair heute. Der Betrieb in der Produktionshalle, für die Orafol jahrelang auf einen Bescheid der Behörden wartete, hat längst begonnen. Das Genehmigungsverfahren für das jetzt begonnene Projekt ist erheblich kürzer ausgefallen, was allerdings nicht nur auf einen neuen Geist in der Verwaltung zurückzuführen ist. Denn die Anlagen, die in der Halle zum Einsatz kommen werden und für die am Freitag der Grundstein gelegt wurde, fallen nicht unter das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Nächste Übernahme in den USA Nicht nur am Hauptsitz in Oranienburg nimmt Orafol Tempo auf. Auch in den USA und in Asien plant das Unternehmen Investitionen. Außerdem setzt der Konzern weiter auf technologisch motivierte Übernahmen. Erst vor wenigen Tagen hat Orafol mit dem Zukauf von Maxpro eine weitere Akquisition in den USA nach Reflexite 2011, Rowland Technologies 2017, Kay Automotive Graphics 2019 und Nupro 2021 vermeldet. Im vergangenen Jahr hat die Gruppe die südkoreanische Reflomax gekauft. 2024 beteiligte sich das Unternehmen an der belgischen M.A.M. 35 Jahre nach der Privatisierung des damals volkseigenen Betriebs Spezialfarben Oranienburg ist der Konzern heute mit 19 Tochtergesellschaften an 33 Standorten auf der ganzen Welt vertreten. Ministerpräsident Dietmar Woidke zollte Loclair dafür besonderen Respekt. „Es ist genau dieses Unternehmertum, das wir brauchen und das wir viel stärker ermutigen müssen“, sagte er bei der Grundsteinlegung. Eine ähnliche Botschaft hatte Woidke am Sonntag bei der Eröffnung des Ostdeutschen Wirtschaftsforums in Bad Saarow im Gepäck. Ein Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort wie am Freitag in Oranienburg war unter den Teilnehmern des Spitzentreffens der ostdeutschen Wirtschaft am ersten Konferenztag aber selten zu hören.