FAZ 02.08.2026
13:59 Uhr

Chelseas Strategiewechsel: Xabi Alonso und das Ende der Rasselbande


Xabi Alonso soll den FC Chelsea wieder dorthin führen, wo sich der Verein selbst sieht. Dazu gehört auch, sich von der Transferpolitik der Besitzer zu verabschieden. Aber reicht das für die europäische Spitze?

Chelseas Strategiewechsel: Xabi Alonso und das Ende der Rasselbande

Ein bisschen überraschend war es schon, als bekannt wurde, dass Xabi Alonso neuer Trainer des FC Chelsea wird. Mit Bayer Leverkusen war der Spanier sensationell deutscher Meister geworden, mit Real Madrid gewann er im Anschluss keine Titel. Trotzdem wurde allgemein angenommen, dass auch seine nächste Station ein europäischer Spitzenklub sein würde. Ein solcher will Chelsea zwar sein, ist gegenwärtig aber ein gutes Stück davon entfernt. Die zurückliegende Saison in der Premier League beendeten die Londoner nur auf dem zehnten Tabellenplatz, Spiele im Europapokal bekommen die Fans an der Stamford Bridge dieses Jahr keine zu sehen. Alonsos Auftrag ist dementsprechend klar: Er soll den sechsmaligen englischen Meister zumindest wieder in die Nähe des Titelkampfes führen und dadurch auch die Qualifikation für die finanziell so wichtige Champions League sichern. Chelsea setzt wieder mehr auf Erfahrung Die amerikanische Eigentümergesellschaft Blueco, öffentlich vertreten durch Todd Boehly und Behdad Eghbali, scheint sich nach mehreren Fehlgriffen jedenfalls sicher zu sein, in Alonso endlich den richtigen Mann gefunden zu haben. Anders als seine zahlreichen Vorgänger ist er nicht bloß der Cheftrainer, sondern in der englischen Nomenklatur auch der Manager. Das lässt darauf schließen, dass er hinter den Kulissen einen größeren Einfluss hat als Boehly und Eghbali es zuletzt etwa Liam Rosenior zugetraut hatten. Dieser Einfluss ist bereits zu erkennen. Zwar trifft Alonso die Transferentscheidungen nicht im Alleingang, sondern in Absprache mit der sportlichen Leitung. Aber die Strategie bei den Zugängen hat sich schon jetzt verändert. In den vergangenen Jahren hatte Chelsea den Plan verfolgt, junge Talente mit langen Verträgen zu binden, um einerseits eine konkurrenzfähige Mannschaft aufzustellen, andererseits aber auch hohe Wiederverkaufswerte zu schaffen. In den zwei zurückliegenden Spielzeiten stellte Chelsea jeweils den jüngsten Kader aller 20 Premier-League-Klubs; vergangenes Jahr lag der Altersschnitt bei gerade einmal 23,4 Jahren. Alonso rückt davon ab, indem er Profis mit mehr Erfahrung kauft. Er will nicht ausbilden – jedenfalls nicht nur –, sondern auf Anhieb eine sichtbare Verbesserung auf dem Platz bewirken. So hat Chelsea in diesem Sommer Morgan Rogers zum bislang teuersten britischen Spieler gemacht: 117 Millionen Pfund (circa 137 Millionen Euro) überwiesen sie für den offensiven Mittelfeldspieler an Ligarivale Aston Villa. Rogers ist zwar erst 24 Jahre alt, hat aber schon reichlich Premier-League-Erfahrung und 22 Länderspiele für England vorzuweisen – ein fertiger Spieler. In diese Kategorie fällt auch der frühere Wolfsburger Maxence Lacroix, den Chelsea für umgerechnet mehr als 60 Millionen Euro von Crystal Palace verpflichtet hat: Der Innenverteidiger ist 26 Jahre alt und stand für Palace in fast hundert Begegnungen auf dem Rasen. Zwar hat Chelsea auch wieder eine Reihe junger Talente unter Vertrag genommen – drei davon jünger als 20 Jahre –, aber größeres Aufsehen erregen andere Transfers. So verkündete der Verein am Samstag die Verpflichtung von Danny Welbeck: Der 35 Jahre alte Mittelstürmer erhält einen über zwei Jahre gültigen Vertrag. Er hat in seiner Karriere für Klubs wie Manchester United und den FC Arsenal gespielt; zuletzt erlebte er bei Brighton & Hove Albion einen zweiten Frühling. Alonso sieht in ihm einen Angreifer, der zwar nicht mehr so spritzig ist wie seine jüngeren Teamkollegen, der ihm aber eine jederzeit zuverlässige Alternative bietet. Vergangene Saison erzielte Welbeck in der Liga 13 Tore – drei davon gegen Chelsea. Motivation oder verheerende Bestandsaufnahme? Und er soll nicht der einzige Zugang mit viel Erfahrung bleiben. Berichten zufolge wird in den kommenden Tagen der 36 Jahre alte Jordan Henderson vorgestellt. Der defensive Mittelfeldspieler erlebte die beste Zeit seiner Karriere beim FC Liverpool, wo er die Meisterschaft und die Champions League gewann. Danach folgten Stationen bei Al-Ettifaq, Ajax Amsterdam und dem FC Brentford. Dort wurde Ende Juli sein Vertrag einvernehmlich aufgelöst, um den Weg für einen Wechsel frei zu machen. Die Idee dahinter ist leicht zu erkennen: Henderson soll als robuster, routinierter Anführer in der überwiegend jungen Mannschaft die Richtung vorgeben – als einflussreiche Stimme in der Kabine und eine Art mitspielender Ko-Trainer auf dem Platz. Während ihrer gemeinsamen Zeit in Liverpool bezeichnete der damalige Trainer Jürgen Klopp Henderson einmal als seinen „General“, dem er „komplett vertraue“. In dieser Rolle wird ihn nun auch Alonso sehen, dessen Art des Fußballspielens hohe taktische Disziplin, Spielintelligenz und Laufbereitschaft erfordert. Wenn der Plan aufgeht, verhilft Henderson der Mannschaft zu jener Konstanz, die bei allem Potential in der vergangenen Saison fehlte. Wenige Tage nach seiner Ankunft in London sprach Alonso über seine Ziele für die Saison. In seiner Antwort betonte er die Bedeutung der „richtigen Mentalität“ und der fußballerischen „Basics“, die er tagtäglich einüben werde. Bei der Umsetzung soll ihm auch ein ausgewogener Kader helfen, in dem junge Talente von kampferprobten Profis lernen. „Nach dem letzten Jahr fangen wir bei null an“, ließ sich Alonso weiter zitieren. Das kann man als Motivation verstehen, mit etwas Gemeinheit aber auch als eine verheerende Bestandsaufnahme. Denn wo der Anspruch die europäische Spitze ist, die Realität aber einen Start bei null erfordert, ist die Fallhöhe für den Trainer beträchtlich.