Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Carlotta Wamser. Die deutsche Nationalspielerin wechselte im Sommer aus der Bundesliga von Bayer Leverkusen nach England und spielt nun für Manchester City. Zuvor war die gebürtige Herforderin bei der SGS Essen, bei Eintracht Frankfurt und beim 1. FC Köln aktiv. Sie durchlief die Jugend-Nationalmannschaften seit der U 15 und spielte bisher 14 Mal für die A-Nationalmannschaft. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballerin? Leute, eines mal vorweg: Das hier sind alles keine einfachen Fragen. Krasse Sache. Da muss man schon ein, zwei Gedankenumdrehungen mehr machen. Also, los: Ich bin gerne glücklich. Es macht mich glücklich, jetzt in England spielen zu dürfen. Ich bin seit knapp drei Wochen hier bei Manchester City – und verlaufe mich teils immer noch. Weil hier alles so groß ist. Wir haben hier Bedingungen, wie ich sie noch nie irgendwo gesehen habe. Perfekter geht’s nicht. Dass mir so ein großer Klub in so einer krassen Liga Vertrauen schenkt, macht mich stolz, froh und eben auch glücklich. Ich darf bei einem unfassbar krassen Verein arbeiten! Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballerin? Dass der Frauen-Fußball immer mit dem Männer-Fußball verglichen wird. Dass es in keinem Bericht ohne Vergleich geht. Warum kann der Sport nicht einfach für sich stehen? So wie beim Basketball. Oder Beachvolleyball. Oder bei der Leichtathletik. Das ist kein Unglück, aber schade und unnötig. Woran erkennen Sie eine gute Spielerin? Richtig gute Spielerinnen können ein Team fühlen. Sie sind wie ein Seismograph und spüren, was die Mannschaft braucht. Wann ist ein Arschtritt notwendig, wann aufbauende Worte? Wann ein Witz? Ich habe mal einen Blackout gehabt, habe bei der EM 2025 gegen Schweden aus einem unerklärlichen Reflex heraus versucht, einen Ball mit der Hand von der Torlinie zu kratzen, und musste mit Rot runter. Jule Brand und Kathrin Hendrich haben gespürt, dass ich kein Mitleid und keine Umarmung brauchte, sondern haben mir ein paar coole Sprüche gedrückt, die geholfen haben, schnell wieder lächeln zu können. Das zeichnet gute Spielerinnen aus: dass sie für jeden im Team da sind. Alex Greenwood bei City ist jetzt auch so eine, die mir vom ersten Moment an das Gefühl gegeben hat: Ich bin für dich da. Du kannst dich auf mich und uns verlassen. Wer ist die beste Spielerin, gegen die Sie gespielt haben? Ich musste beim letzten Länderspiel gegen Norwegen gegen Caroline Graham Hansen ran. Die spielt bei Barcelona und ist unfassbar schnell. Die ist dreimal an mir vorbeigeflogen, sodass ich echt schlechte Laune bekommen habe. Die hat ein krankes Tempo, dabei bin ich auch nicht so langsam. Da muss man viel vorher antizipieren und mit Stellungsspiel wettmachen, sonst gute Nacht. Zum Glück haben wir trotzdem gewonnen. Welche Spielerin ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Aoba Fujino! Das ist eine japanische Spielerin, die zum Glück bei mir im Team ist. Ich muss also nur im Training gegen sie ran – und da stand ich manchmal mit offenem Mund und dachte nur: „Wie geht das?“ Wir hatten eine Einheit, da war ich nicht anspielbar, weil sie mich immer zugestellt hat. Die ist soooo schlau und soooo gut. Wer ist der wichtigste Trainer/die wichtigste Trainerin in Ihrer Karriere? Kathrin Peter. Die war von der U 17 bis zur U 20 meine Trainerin bei der Nationalmannschaft. Sie ist auch auf die Idee gekommen, mich nach rechts hinten zu stellen. Weil sie meinte, ich sei lauf- und zweikampfstark und es würde mir helfen, viel Raum vor mir zu haben. Als ich mein Debüt bei der A-Nationalmannschaft gegeben habe, habe ich ihr gedankt: Ohne ihre Idee wäre es sehr wahrscheinlich nicht passiert. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Ich habe keine Lust, über stumpfen Rasen oder schlechtes Wetter zu reden. Die Bedingungen sind, wie sie sind. Es macht keinen Sinn, sich über Dinge aufzuregen, die wir nicht beeinflussen können. Das nimmt Vorfreude und raubt Energie. Wen bewundern Sie? Meine Oma! Die ist 80 Jahre. Letzte Woche hat sie mich, weil ich kurz nach Deutschland musste, anschließend zum Flughafen gefahren. Da haben wir wieder mal ein echt intensives Gespräch gehabt. Sie hat fünf Kinder, hat so aufopferungsvoll für sie gesorgt, auch wenn sie nie viel Geld hatte. Sie ist eine tolle Beschützerin. Wir dürfen es nie als selbstverständlich ansehen, was Mamas und Papas, Omas und Opas so alles machen, um ihre Kinder und Enkel zu fördern und unterstützen. Was bewundern Sie? Die Kreativität derer, die sich hier die Fragen ausgedacht haben – Spaß! Siehe Antwort zuvor. Was fürchten Sie in einem Spiel? Nichts! Ich hoffe immer nach dem Spiel, dass das Urteil von meinem Papa nicht zu hart ausfällt. Der ist ein ganz wichtiger Feedback-Geber und hat einen sehr gesunden und realistischen Blick auf das, was gut und schlecht war. Der versteht das Spiel und gibt wertvolle Ratschläge. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels mal überrascht hat. „Was esse ich nach dem Spiel?“ Ich hatte einmal bei einem Vorbereitungsspiel eine kleine Heißhunger-Attacke und musste plötzlich an Essen denken. Welche Fußball-Regel würden Sie ändern? Ich finde es schade, dass nur der Kapitän/die Kapitänin mit dem Schiedsrichter sprechen darf. In angemessenem Ton sollten auch die an der Situation Beteiligten mitreden dürfen. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Ich werde von Lena Goeßling beraten. Die war selbst sehr lange, sehr erfolgreich Spielerin. Sie hat schon alles erlebt und weiß, wie in jeder Situation zu handeln ist. Die hat immer einen klaren Kopf. Sie ist in Kombination mit Sascha Breese echt wertvoll. Er verhandelt knallhart. Sports360 bietet echt ein top Gesamtpaket. Was ist der Sinn des Spiels? G-E-W-I-N-N-E-N!!! Ihr(e) Lieblingsspieler(in)? Bastian Schweinsteiger. Ihr dürft mich jetzt nicht auslachen: Ich mag hohe Rückennummern. Ich habe selbst jetzt die 37. Ich mag vor allem die 3 auf einem Trikot. Bastian hatte bei Bayern immer die 31. Außerdem hat er, wie ich anfangs, auf der Sechs, beziehungsweise auf der Acht gespielt. Der war mein absolutes Idol. Außerdem mochte ich Domi Kumbela von Eintracht Braunschweig – bei einem seiner Spiele war ich erstmals als Kind im Stadion. Ihr(e) Lieblingstrainer(in)? Roman Spieß! Ich war zehn oder elf Jahre alt, habe beim TBV Lemgo gespielt. In einer Jungsmannschaft. Aber Roman hat nie, nicht eine Sekunde, einen Unterschied zwischen mir und den Jungs gemacht. Ich gehörte einfach dazu, ganz normal. Ohne irgendwelche Besonderheiten oder Ausnahmen. Es galt gleiches Recht für alle – und gleiche Pflichten. Nach dem Training hat er mich abends, wenn es dunkel war, immer zur Bushaltestelle gefahren, weil ich noch eine halbe Stunde mit dem Bus nach Hause nach Bad Salzuflen fahren musste. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem/er Mitspieler(in) am meisten? Ehrlichkeit! Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem/er Freund(in) am meisten? Verlässlichkeit! Ihr größter Fehler? Dass ich Oliven probiert habe – Geschmacksnerv-Zerstörung! Ihre Helden der Gegenwart? - Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Viele unterschätzen, wie viel neben dem Training dazugehört, um seinen Kopf und Körper perfekt zu präparieren. Messi oder Ronaldo? Messi! Ich habe zur WM dieses Jahr sein Trikot getragen. Ich wollte unbedingt, dass er diesen Titel noch gewinnt. Jule Brand und ich feiern ihn voll. Guardiola oder Klopp? Als Pep Guardiola mit Manchester City das Triple gewonnen hat, hat er seine Prämie auf alle Angestellten im Klub, also vom Busfahrer bis zum Zeugwart, aufgeteilt. Das hat mir imponiert. Ich habe Ansprachen von ihm gehört, die mich bewegt haben, obwohl ich am Fernsehen saß. Ein besonderer Trainer. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Die Dynamik. Die Power. Die Kraft. Die Leidenschaft. Die Wucht. Die Strahlkraft. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Mobbing und Hass, der vor allem über Social Media gesät und verbreitet wird. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Lange schlafen, gut frühstücken, ausgiebiger Spaziergang.
