Die Frage, wer das Recht schützt, musste im Frühjahr 1945 neu gestellt werden. Der Sonntag Judica fiel auf den 18. März. „Judica“ ist ein Imperativ, Carl Schmitt zitiert ihn im Tagebuch ausführlicher: „Schaffe mir Recht, o Gott, führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk“; nach Psalm 43 „judica me et discerne“. Es sei, so Schmitt, der erste Sonntag Judica seines Lebens, den er „mit vollem liturgischem Bewusstsein“ erlebt habe. Er, der Theoretiker des Rechts, mochte ahnen, dass er binnen Kurzem um sein Recht würde bangen müssen. Er „habe nichts zu erwarten als das Gericht“, notiert er am 29. März und fährt fort: „Meine jämmerlichen Anstrengungen unterlasse ich besser, um mich nicht vor mir selber lächerlich zu machen.“ Die „Kriegstagebücher Carl Schmitts“ werden in einem DFG-Projekt zur Edition vorbereitet. Nachdem in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ ausgewählte Einträge von 1943 bis 1945 publiziert worden sind, werden jetzt im 18. Heft der „Plettenberger Miniaturen“ der Carl-Schmitt-Gesellschaft erneut „Auszüge aus dem Tagebuch 1945“ gedruckt. Die Einträge erstrecken sich vom 18. März bis zum 31. Mai und füllen 23 Druckseiten. Eine gewaltige Stelle in den Meditationen Über die Gründe für das zu erwartende Gericht deutet die zweite hier gedruckte Aufzeichnung Vermutungen an. Am 27. März 1945 notiert Carl Schmitt eine Stelle aus „Meditationes de prima philosophia“ von Descartes. Zur Frage stehen das sichere Wissen und wie es zu erlangen sei. Die Wahrnehmung kann täuschen, sogar die Wissenschaften, wenn man einmal gedankenexperimentell annimmt, dass auch deren Befunde von einem genius malignus, einem bösen Geist, eigens zu unserer Täuschung erdacht worden sein könnten. Schmitt spricht von einer „gewaltigen Stelle“, die „in der Tat ‚existentiell‘“ sei, und zitiert die nähere Qualifizierung dieses Dämons durch Descartes: Dieser sei der „deceptor potens et callidus“, der allmächtige und verschlagene Betrüger. Die „bloße Möglichkeit eines derartigen Totalbetrugs“ sei „überwältigend“. Damit ist Carl Schmitt im Zentrum seines Problems. In den Berliner Untergangswochen dämmert es ihm wie so vielen, dass er sich in den vergangenen zwölf Jahren getäuscht hat. Und gleich geht er zu der maßgeblichen philosophischen Quelle, die ihm für den Fall radikaler Täuschung mindestens ein Denkmodell anbieten kann. Unter dem Titel des „Betrugs“ verhandelt er nun seine Lage und die der Deutschen. Das besagt aber, dass er in dem Augenblick, da er das Falsche erkennt, zugleich eine Entlastung insofern findet, als er einem anderswo ersonnenen Betrug aufgesessen ist. Darin glaubt er sein Schicksalsgesetz zu erkennen. 1915 hatte er Pawla Dorotić geheiratet, angeblich von kroatischem Adel, tatsächlich eine Hochstaplerin aus Wien und uneheliche Tochter eines Kroaten. „Dümmster Betrug“, notiert er am 7. Mai, einen Tag vor der Kapitulation, „auf den ich hereinfiel, weil ich mich selbst betrog. […] Der zweite große Betrug war der politische. Komme ich noch einmal von dieser ekligen Befleckung durch Hitler los, wie ich von meiner ersten Ehe, verhältnismäßig gut, losgekommen bin?“ Seinen Anteil am Geschehen der vergangenen zwölf Jahre kann er mit dieser Konstruktion einhegen und begrenzen, die Phantasie vom Dämon des Descartes weiterspinnend: „Aber dieser Betrüger macht sogar meine Arme und Beine, mein Blut und meinen Körper zum Werkzeug und zum Produkt seines Betruges. Schauerlich.“ So schien es ihm wohl wirklich: Etwas Fremdes musste in ihn eingedrungen sein, gleichsam ein Parasit, der sich Schmitts Person bediente. Hegels „verlogenes Gerede“ Hitler war der Hauptbetrüger. Sein „Gerede zu allem was ihm begegnete“ wird von Schmitt notiert. Er habe gemerkt, „wie leicht es ist, die Menschen zu betrügen“, und sei, „wie jeder Betrüger, durch den Betrug selbst gefesselt“ worden. „Das Gewebe seines Betrugs hüllte ihn ein.“ Wie Hitler der Betrüger war, eine „Zechpreller-Begabung“, so waren die Deutschen eigentlich die „hereingefallenen Kleinbürger“, die „guten, hereingefallenen Deutsch-Nationalen“. Der Betrug herrschte in Deutschland schon lange und fast überall. Ein „grauenhafter Betrug“ seien die „schwäbisch-boshafte Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit“ Hegels und dessen „verlogenes Gerede um Christentum“ gewesen; ihm vorangegangen war „der Betrug mit dem Ich der Ich-Philosophie Fichtes und anderer Schwindler“. Grübeleien über Bruno Bauer, Donoso Cortés, Bismarck, den Dreißigjährigen Krieg und „das katholische Europa“ münden am 26. April in den Satz: „Der nationalliberale Betrug.“ Schmitt geriet in etwas hinein, was er vielleicht gar nicht wollte; auch in den katholischen Akademikerverband sei er „hineingeraten, ohne es zu wissen […], ich war wirklich ahnungslos“. Als russische Soldaten ihn abholen und zum Kommandanten bringen – was übrigens glimpflich abgeht, indem die Vernehmung nach kurzer Zeit in einen Schmitt-Vortrag mit fasziniertem Publikum mündet –, meditiert er über einen Vers der Annette von Droste-Hülshoff, deren religiöse Lyrik ihm in diesen Wochen nahegekommen ist: „So muss ich eigne Schuld und Torheit sühnen“ (aus dem Zyklus „Das geistliche Jahr“, bestimmt für den dritten Sonntag nach Ostern). Aber das bleibt vereinzelt und wird auch gar nicht näher untersucht. Glück hat Schmitt gerade in dieser Zeit mit seiner serbischen Frau Duschka, seine Dankbarkeit ihr gegenüber bildet innerhalb der vielen Winkelzüge dieser Notate einen Bezirk der Aufrichtigkeit. Gegenüber den russischen Soldaten, die seit dem 25. April im Stadtviertel der Schmitts sind, kann sie sich verständlich machen und manches von ihm abwenden. Eigentlich habe er „nur ein einziges Mal einen genius benignus erlebt“, als im Juni 1923 „Duschkas Blick“ auf sein „zerstörtes Dasein fiel“, notiert er am 29. April, dem Sonntag Cantate. F.A.Z.
