FAZ 14.09.2026
13:06 Uhr

Buchmarkt im Umbruch: Caroline Wahl und das „Winner takes it all“-Prinzip


Auch der vierte Roman von Caroline Wahl ist auf Anhieb äußerst erfolgreich. Was sagt das über den Buchmarkt aus? Und was hat das mit dem Umzug des Verlags S. Fischer von Frankfurt nach Berlin zu tun?

Buchmarkt im Umbruch: Caroline Wahl und das „Winner takes it all“-Prinzip

Es war ein Paukenschlag, als der S. Fischer-Verlag in diesem Sommer den Umzug seines Stammhauses von Frankfurt nach Berlin verkündete. Oliver Vogel, der verlegerische Geschäftsführer, musste diese Entscheidung vertreten. Und wer auch immer sie letztlich getroffen haben mag und welche Sparzwänge dabei im Hintergrund standen: Seine Begründung ist sehr aufschlussreich, weil Vogel den Ortswechsel als notwendige Reaktion auf einen literarischen Strukturwandel darstellte. Um Niveau und Breite der Verlagsarbeit zu bewahren, so der Tenor, müsse sich vieles ändern. Diese konservativ gemeinte Revolution verstand Vogel nicht zuletzt als aufmunternde Botschaft an einen Literaturbetrieb, der im Modus der Grundlagenkrise agiere und sich dem „lähmenden Aberglauben“ hingebe, dass das „mit der Literatur“ eigentlich „vorbei“ sei. Nun ist der „Tod der Literatur“ ein schon in die Jahre gekommener Topos und die Krise des Lesens ein wohl gepflegtes kulturkritisches Motiv. Fundiert werden diese regelmäßigen Wasserstandsmeldungen seit 2018 allerdings durch überaus ernüchternde Zahlen vom Buchmarkt: In den Jahren seit 2010 haben sich Millionen Menschen vom herkömmlichen Buchhandel verabschiedet; Jahr für Jahr gibt es weniger Buchkäufer. Selbst die Lektüreleidenschaft der Generation „New Adult“, dem einzigen Bereich mit Wachstum, kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Immerhin zeigt eine aktuelle, von Carolin Amlinger geleitete Studie, dass das Buch nach wie vor ein wertgeschätztes Medium ist. Und würde man all das einbeziehen, was im Bereich der Selfpublisher und auf den Social-Reading- und -Writing-Plattformen geschieht, dann würde sich das Bild noch einmal grundlegend verändern. Die Krise „der Literatur“ ist also zunächst einmal eine Krise der Literatur von Publikumsverlagen, die vor existentiellen Herausforderungen stehen. Aber stimmt selbst dieser Krisenbefund so einfach? Alles ist gut, wenn viele Bücher verkauft sind Hier nun kommt nun Caroline Wahl ins Spiel. Wer es nicht ohnehin schon gewusst hat, entkam beim Erscheinen des aktuellen Romans „1999 Meter über dem Meer“ nur schwer der Information, wie erfolgreich die Autorin sei. Das liegt zum Teil daran, dass Wahl gern selbst über ihren Erfolg spricht und damit sogar eine kleine Debatte um die Behandlung erfolgreicher junger Frauen provoziert hat. Die Schlagzeile des langen Interviews in der „Süddeutschen Zeitung“ lautete in der Online-Fassung: „Ist doch geil, groß zu denken“. Im Print entschied man sich für eine etwas zurückhaltendere Headline: „Wohlstand“ – aber auch das klang bemerkenswert wenig nach Krise. Wahl also will literarisch Großes erreichen, wobei sich „groß“ in diesem Fall umstandslos in „viel“ übersetzen lässt. Tatsächlich spricht alles für die beneidenswerte Popularität der Autorin: die Gerüchte um den extrem hohen Vorschuss beim Verlagswechsel von DuMont zu Rowohlt, die großen Stapel in den Buchhandlungen, Platzierungen hoch oben in den Bestsellerlisten, die Romanverfilmung von „22 Bahnen“, der Aufstieg des Debüts in den Rang einer Schullektüre mit entsprechenden „Unterrichtshandreichungen“ und „Lektüreschlüsseln“. Und kürzlich eine eigene literaturwissenschaftliche Tagung zum Lebenswerk der noch jungen Autorin. Wenn so etwas aber möglich ist, wenn eine Autorin mit jedem ihrer Bücher ein breites Publikum im Sturm erobert, viele Leser mit ihren Texten begeistert, die Aufmerksamkeit des Feuilletons auf sich zieht, Gespräche über Literatur entfacht und dabei ein richtig gutes Geschäft macht: Warum könnte jemand überhaupt auf die Idee kommen, dass „das mit der Literatur“ nicht mehr funktioniert? Tatsächlich reflektierte Oliver Vogel bei der Begründung für den Ortswechsel seines Verlags implizit über den Wahl-Effekt: Wie kann man heutzutage „Büchern maximale Sichtbarkeit und gesellschaftliche Resonanz“ verschaffen? Oder anders: Mit welcher Gesellschaft muss ein Verlag heutzutage rechnen? Sie ist eher der nomadische Typ Die erste Diagnose Vogels betraf die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse: Der Verlag richtet sich mit dem Umzug nach Berlin „in einer Zeit von mobiler Arbeit“ ein, „in der nicht alle jeden Tag im Büro sind“. Pointiert formuliert: Der alte Verlagsarbeitsplatz war ein „geistiges Zentrum“ verlässlicher Begegnungsgewissheit in einem stabilen „System“, zu dem neben den „klassischen Verlagen“ das „Großkritiker-Feuilleton“, der „beratende Sortimentsbuchhandel“ sowie ein „bildungsbürgerliches Publikum“ gehörten. Dieser Wirkungszusammenhang „bricht unaufhaltsam weg“. Nun weiß man nicht mehr so genau, wann man es mit wem zu tun bekommt und was da gerade geschieht. Das aber sind offenbar optimale Erfolgsbedingungen für eine Autorin wie Caroline Wahl. Sie verkörpert einen nomadischen Typus. In Interviews oder in den sozialen Medialen gibt sie das Gegenbild zur Schreibtischarbeiterin ab und vermittelt den Eindruck einer Person, die ständig unterwegs ist, in kurzen Episoden überall arbeitet und nicht lange stillhält. Dazu passt der dynamische Produktionsrhythmus, in dem sie ihre Romane vorlegt – der neue Roman ist der vierte in vier Jahren. Und letztlich ist auch der Wechsel von Wahl zu Rowohlt – ebenso wie die schon 2022 erfolgte, viel beachtete Abwanderung der Rowohlt-Autoren Eugen Ruge, Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und Martin Mosebach – ein Signal für die Unruhe im System. In der neuen, flexibilisierten Arbeitswelt eröffnen die nur noch temporär besetzten Räume des Fischer Verlags „Möglichkeiten“: Sie dienen, so führte Vogel weiter aus, als Arbeitsplätze, sind aber mittlerweile ebenso „Begegnungsorte“ für das Verlagspersonal, die Autoren, den Literaturbetrieb und die Leser. Die „Rosenstraße“, die bisherige Berliner Dependance des Fischer-Verlags, habe „das Netzwerk im Kulturleben verbessert“. Statt „Ich wünsch mir was“ heißt es jetzt „So isses“ Mit diesem Stichwort greift Vogel zu einer zentralen Metapher, denn das „Netzwerk“ ist das Modell einer Arbeitswelt, die vom „neuen Geist des Kapitalismus“ beseelt ist, wie ihn die französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello beschrieben haben: eines Kapitalismus, der die Bedürfnisse der Menschen auf subtile Weise reizt, um ihnen dann als überaus liebenswertes Medium der Bedürfnisbefriedigung entgegenzukommen und sich unauffällig ins Leben einzuschmeicheln. Das betrifft auch die literarische Arbeit. Es ist kein Zufall, dass Amazon als Pionier dieser Wirtschaftsformen die Funktionsmechanismen eines neuen, digitalen Kapitalismus als Erstes am Beispiel des Buchs ausprobiert hat. Die alte Arbeitswelt hat eine bestimmte Form der Normativität verankert. Sie hat Ansprüche gestellt, die Menschen von außen gefordert, abstrakte und allgemeine Geltung reklamiert und wenig Rücksichten auf persönliche Belange genommen. Hier leuchtete die Maxime ein, dass wir uns nicht in der Welt von „Ich wünsch mir was“, sondern „So isses“ befinden. Was an Selbstlosigkeit abverlangt wurde, erstattete das System als Sicherheit und Verlässlichkeit zurück. Jetzt gehen die Bücher auf die Menschen zu Die neue, flexible Arbeitswelt vermittelt hingegen auf der Schauseite einen anderen, entgegenkommenden Eindruck der Rücksichtnahme, der Wertschätzung und Achtung innerer Bedürfnisse – und verbindet dies auf der Schattenseite mit heimlichen, stillen und permanent erhobenen Anforderungen: Burnout zählt nicht umsonst zu den häufigen Krankheiten. Es handelt sich um eine Reaktion auf ein Leben, in dem es schwer gemacht wird, wirklich abzuschalten, weil man zu sehr involviert ist. In den sozialen Medien wird gerade viel über die kraftzehrende literarische Tätigkeit als eine Art Fronarbeit reflektiert. Literarisch entscheidend ist nun, dass der Fischer Verlag sich zu dieser neuen Form der Normativität bekennt. Den Umzug verbindet Vogel mit einer Geste des Auf-die-Menschen-Zugehens: Frankfurt war symbolisch ein Standort, wo man erwartete, dass die Menschen zu den Büchern kommen. Berlin steht symbolisch für einen Ort, an dem die Bücher auf die Menschen zugehen. Auch die erwähnte neue Lesestudie zeigt: Leser widmen sich dann Büchern, wenn sie sich von ihnen mitgenommen fühlen, nicht wenn die literarischen Werke herausfordern. Dies wiederum bedeutet: Bücher, die ankommen und erfolgreich sind, dürfen wegen und nicht trotz ihres Erfolgs als gute Bücher gelten. Was unterscheidet Erfolg von Leistung? Genau an dieser Stelle hakt Caroline Wahl ein. Sie hat mit aufschlussreichem Unverständnis auf strukturelle Veränderungen aufmerksam gemacht, als sie sich in einem viel beachteten Instagram-Post darüber beschwerte, dass ihre Bestsellerlistenplatzierung nicht automatisch zur Nominierung für den Deutschen Buchpreis geführt hat. Diese Juryentscheidung resultierte nicht daraus, dass hier eine Autorin „zu erfolgreich“ ist, sondern aus der Art und Weise, wie diese Autorin Erfolg hat und Erfolg zelebriert. Andreas Reckwitz hat sehr gut beschrieben, wie das Prinzip „Erfolg“ und davon unterschieden das Prinzip „Leistung“ funktionieren: Eine „Leistung“ erbringt jemand mit aufwendig erworbenen Kompetenzen. Sie wird dem Produkt und seinen Qualitäten abgelesen, besteht unabhängig von der Zustimmung vieler Personen und kann durch ein Expertenurteil festgestellt werden. „Erfolg“ hingegen liegt im Auge der Betrachter, die sich einem Werk in möglichst großer Zahl zuwenden, ist also gewissermaßen schlicht quantitativ feststellbar und weniger qualitativ im Produkt verankert als vielmehr im Produkterlebnis. Literaturpreisjurys geben sich nun aber notorisch dem guten Glauben hin, dass literarische Leistung noch die eigentlich preiswürdige Dimension darstellt. Entsprechend resonanzarm bleiben viele ihrer Entscheidungen, misst man sie schlicht an Erfolgskriterien. Im Prinzip hat man es mit Entwicklungen zu tun, die allesamt grundlegende Prinzipien einer funktional ausdifferenzierten Moderne in Frage stellen – die Unterscheidung von Arbeit und Freizeit, von Privatheit und Öffentlichkeit oder von eigensinnigen sozialen Sphären wie Ökonomie, Massenmedien und Kunst: Mit dem Umzug nach Berlin verbindet der Verlag die Hoffnung, die Vernetzung mit „Presse und Buchhandel“ zu intensivieren. Wieder ist die symbolische Geste bemerkenswert, denn seit der Entstehung eines kapitalistischen Buchmarkts zählt der Austausch mit Presse und Buchhandel zum verlegerischen Alltag. Das hat auch in Frankfurt stattgefunden, nur dass man sich in älteren Zeiten noch Interessenunterschiede gönnen konnte: Der Verlag trat als Sachwalter der Autoren auf, der Buchhandel als Vertreter der Leser, die Presse als Vermittlungsinstanz eigener Güte. Mit der Krise dieses Funktionssystems verändert sich das latent spannungsvolle Verhältnis dieser Parteien, die sich nun eher als solidarische Krisengemeinschaft verhalten. Der Buchmarktsieger nimmt alles Dieser Trend zur sozialen Grenzüberschreitung und zur Vermischung vormals getrennter Gesellschaftsbereiche erklärt vermutlich ein weiteres eigentümliches Wahl-Phänomen: Die Zeitungsbeiträge zum neuen Roman sind auffällig häufig keine klassischen Rezensionen. Stattdessen gibt es viele Interviews, Podcasts mit der Autorin, Texte über die Begegnung mit ihr oder zumindest Artikel, die der Person und deren Meinungen erheblichen Platz einräumen. Ein erheblicher Teil der Literaturkritik geht also nicht auf Distanz, bemüht sich weniger um Abstand und darum, Sachlichkeit zu signalisieren. Stattdessen sucht die Presse die Nähe zur Autorin – oder vielleicht besser: zu literarischer Celebrity und Personality. Umgekehrt hat es man es mit einer Autorin zu tun, die seit September 2026 als „Markenbotschafterin“ für Mercedes-Benz wirbt, also keine problematische Spannung im Verhältnis von Kunst und Kommerz erkennen mag. Natürlich ist auch das irgendwie sehr „geil“. Die journalistische Beschäftigung mit Caroline Wahl, in der Literaturkritik und Marketing einander oft bemerkenswert nahe kommen, findet zudem zeitlich so konzentriert statt, wie es für den heute nötigen Anfangserfolg wichtig ist: Nur wenn sehr schnell sehr viel Aufmerksamkeit auf ein Produkt gelenkt wird, zieht dies weitere Aufmerksamkeit um der Aufmerksamkeit willen auf sich und überschreitet damit jene Schwelle, hinter der finanziell wirklich ertragreicher Erfolg wartet. Buchkäuferaufmerksamkeit ist aber ein endliches und zunehmend rares Gut. Wer sie bekommt, entzieht sie anderen. Die sogenannte Midlist der nicht übermäßig, aber doch auskömmlich ertragreichen Bücher hat ihre Bedeutung stark eingebüßt. Der Buchhandel entwickelt sich zunehmend zu einem „Winner takes it all“-Markt. Diese Form des ausschließenden Erfolgs wird durch die quantitativen Reputationsmechanismen der digitalen Medien zum Normalfall. Auch darin liegt einer, vielleicht sogar der zentrale Grund für den Umzug des Fischer Verlags: Der Buchmarkt, so Oliver Vogel, werde „von einer extremen Marktkonzentration und rein algorithmengesteuerten Titel-Zuspitzungen beherrscht“. Die „von Algorithmen gelenkte, flächendeckende Fokussierung auf ganz wenige Spitzentitel“ führe zu einer „digitalen Monokultur“. Im Rückblick hat die Entmachtung der viel gescholtenen Gatekeeper die Ausbildung von Monopolstrukturen befördert und nicht verringert. Caroline Wahl zählt zu den Rockefellers dieser neuen Arbeitswelt der Literatur. Steffen Martus lehrt Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien bei Rowohlt „Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute“.