Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer herrlichen, von Wasser umgebenen und durchflossenen Stadt wie Istanbul. Sie haben Feierabend und machen sich auf den Heimweg. Vorausgesetzt natürlich, Sie gehören zu den Glücklichen, die noch Arbeit haben. Um auf andere Gedanken zu kommen und sich ein wenig vom wirtschaftlichen und politischen Druck abzulenken, gönnen Sie sich ein Bier. Damit setzen Sie sich auf eine Bank am Bosporus. Zur türkischen Fassung der Kolumne:Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın Kaum haben Sie die Flasche geöffnet und einen Schluck getrunken, nähert sich eine Drohne. Ihre blauen und roten Lichter überstrahlen die Abenddämmerung, ihre Sirene mischt sich ins Wellenrauschen, als sie auf Sie zusteuert. „Achtung, Achtung!“, hören Sie aus den Lautsprechern der Drohne. „Dies ist eine Polizei-Drohne. Der Konsum von Alkohol ist hier verboten. Beachten Sie bitte die Hinweise und gehen Sie. Andernfalls wird strafrechtlich ermittelt.“ Denken Sie nicht, diese Szene entspringe einem Science-Fiction-Film oder einer Dystopie. Seit letzter Woche kommt zu unverschämt hohen Steuern und anderen Maßnahmen, die Alkoholkonsum verhindern sollen, noch Überwachung per Drohne hinzu. Es gibt in der Türkei aber gar kein Gesetz, das Alkoholkonsum im Freien verbieten würde. Nur Exzesse sollen verhindert werden. Dennoch wird in Erdoǧans „fortgeschrittener Demokratie“ Biertrinken de facto zu einer Straftat gemacht. Die Regierung hat der Seele der Stadt Schaden zugefügt Dabei ist die Stadt, aus der ich Ihnen schreibe, in dieser Weltgegend seit Jahrhunderten das Symbol der Modernität. Mit der kosmopolitischen Atmosphäre und dem Nachtleben war sie nicht bloß wirtschaftlich die Hauptstadt, sondern auch kulturell. Mitte der 2000er-Jahre brachte das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ eine Coverstory unter dem Titel „Cool Istanbul“. Darin hieß es, wir seien die angesagteste und in kultureller Hinsicht lebendigste Metropole Europas. Der Artikel beschrieb das historische Geflecht Istanbuls wie auch den modernen, dynamischen Lifestyle. „Europas hippste Stadt braucht Europa vielleicht gar nicht mehr“, lautete der Untertitel. In meiner Jugend habe ich die Stadt genau so erlebt. Die jungen Leute von heute aber, die in den 24 Jahren der Erdoǧan-Regierung aufwuchsen, wissen so gut wie nichts mehr von „cool Istanbul“. Die konservativ-autoritäre Regierung hat der Seele der Stadt Schaden zugefügt. Es geht nicht allein um das Alkoholverbot, insbesondere die Attacken auf das kulturelle Leben in letzter Zeit verwandeln die Metropole ‒ außer ihrem Anblick ‒ in eine unscheinbare, graue, langweilige anatolische Stadt. Der Comedian Deniz Göktaş sitzt in Haft Anfang Juli hatte ich Ihnen von der Verhaftung des Comedians Deniz Göktaş berichtet. Ihm wurde vorgeworfen, in seiner Show Erdoǧan beleidigt zu haben. Der junge Komiker sitzt mittlerweile über zwei Monate im Gefängnis. Auf Einspruch der Anwälte hin ordnete das Gericht seine Freilassung für die Dauer des Verfahrens an. Doch nur Minuten darauf, noch bevor er die Haftanstalt auch nur verlassen konnte, erging der nächste Haftbefehl. Diesmal wegen einer anderen Nummer seiner 150 Gags umfassenden Show. Nun wird ihm die Verherrlichung von Straftaten und Straftätern vorgeworfen. Die Begründung für den zweiten Haftbefehl ist dabei lustiger als der inkriminierte Witz selbst. In einem Sketch nahm er Jugendbanden aufs Korn, die sich infolge der Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten in der Türkei gebildet haben. Er erzählte von den „Daltons“, einer Bande, die die türkische Justiz bereits im Visier hat. Sie rekrutiert Täter auf Telegram und lässt sie bezahlte „Aufträge“ ausführen, etwa bewaffnete Überfälle auf Unternehmen, Körperverletzung oder auch Mord. Göktaş sagte: „Mit den Einnahmen für die zweite Reihe hier könnte ich in der Türkei einen Mörder dingen und einen Comedian-Konkurrenten umbringen lassen. So sieht der Markt aktuell aus. Nur die zweite Reihe und ein Telegram-Account. Darüber schreiben Sie die Daltons an, die Kommunikation läuft höchst professionell. Sie zahlen in Bitcoin, das lässt sich auch nicht nachverfolgen. Ist der Mord erledigt, kommt ein Foto mit der Frage: Der war’s doch, Bruder, oder? Es war zwar der Zwilling, aber das war mein Fehler. Also zahlen Sie noch einmal, ein phantastisches System …“ Wir haben die „Daltons“ nach Deutschland exportiert Dieser Gag führte dazu, dass der Komiker erneut verhaftet wurde, und zwar wegen Verherrlichung der Mafia. Im neuen Verfahren muss er mit zwölf Jahren Haft rechnen. In der Türkei wurden einige Anführer und Mitglieder der Dalton-Bande verhaftet. Übrigens haben wir sie auch nach Deutschland exportiert. In etlichen Städten, auch in Berlin, sind die Daltons im Drogenhandel, Waffenschmuggel und Eintreiben von Schutzgeldern tätig. In der deutschen Presse heißt es, sie hätten sogar Kopfgelder auf Staatsanwälte ausgesetzt, die gegen sie ermitteln. Unsere Regierung kriminalisiert Alkoholika und Comedy und macht auch vor Musik nicht halt. Letztes Jahr hatte ich Ihnen berichtet, dass die Girlgroup „Manifest“ wegen Anstößigkeit vor Gericht musste. Das Urteil zu vier Monaten Haft wurde zur Bewährung ausgesetzt. Damit war der Zorn der Palastjustiz aber noch nicht besänftigt. Denn auch Mädchen mit Kopftuch aus konservativen Familien besuchen die Konzerte der Band und posten in den sozialen Medien ähnliche Beiträge wie ihre Clips. Vor ein paar Wochen machte sich die Regierung nun daran, das Problem von Grund auf zu lösen. Der Manager der Band wurde verhaftet, weil er die Verbreitung obszöner Inhalte ermögliche. Ein konkreter Anlass findet sich in der Begründung nicht, lediglich eine Möglichkeit: „Die Sitten unserer Kinder könnten zerrüttet werden …“ Es ist nicht das erste Mal, dass die Justiz etwas abstraft, was gar nicht begangen wurde. So sitzt die Journalistin und Filmproduzentin Çiǧdem Mater eine 18-jährige Haftstrafe wegen eines Films ab, den sie nie gedreht hat. Bei Repressalien gegen Kunst und Kultur unterscheidet das Palastregime nicht nach einheimisch oder ausländisch. So wurde die Techno-Show „Anyma“ des italienischen DJ Matteo Milleri wegen „satanistischer Elemente“ abgesagt. Dankenswerterweise hat unsere Regierung Istanbul mit diesem Verbot vor dem Satan bewahrt. Wäre sie lascher gewesen, hätte sie denselben Fehler wie das anhand der Scharia regierte Saudi-Arabien, wie Ägypten und die Arabischen Emirate begehen können und die „satanische“ Anyma-Show womöglich erlaubt! Geld für islamistische Stiftungen Wie gesagt, „Newsweek“ hatte in den 2000er-Jahren gemutmaßt, Europas hippste Stadt brauche Europa vielleicht gar nicht mehr. Die Menschen hier aber brauchen es heute dringend. Nur das Palastregime braucht Europa nicht mehr. Ihm liegt auch nichts daran, die Kopenhagener Kriterien umzusetzen, Demokratie zu garantieren oder für Rechtsstaatlichkeit zu sorgen. Denn mit Kooperationen, die dem Westen seine Sicherheitsbedenken nehmen, kann es Schritt für Schritt die Demokratie demontieren, ohne dass dagegen groß protestiert würde. Erst kürzlich drohte Erdoǧans Rechtsberater: „Wir können aus der Europäischen Menschenrechtskonvention auch austreten.“ Genau wie Russland, das als ‒ bisher ‒ einziger Staat diesen Schritt vollzogen hat. Und Erdoǧan sagt: „Die Europäische Union hat für uns keine Priorität.“ Dabei hatte er vor Jahren bei seinem Regierungsantritt versprochen, die Türkei zum EU-Vollmitglied zu machen. Seien wir aber nicht ungerecht. Vielleicht nicht die EU an sich, dafür aber ihr Geld hat nach wie vor Priorität für Erdoǧan und seine Familie. Vergangene Woche veröffentlichte offizielle Angaben belegen, dass im Jahr 2025 Zahlungen von rund 450.000 Euro von Ihren Steuergeldern an zwei von Erdoğan-Kindern geleitete islamistische Stiftungen gingen. Offenbar handelt es sich bei der Demokratie des Palastes wie auch bei der Sensibilität der EU für Demokratie um bloße Rhetorik. Geld hingegen ist stets real. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.
