FAZ 24.09.2026
12:23 Uhr

Boom und Krise: Verschulden für das Abendessen


Viele Argentinier sind verschuldet und können sich immer weniger leisten. Dabei wächst die Wirtschaft wieder. Wann kommt das bei den Menschen an?

Boom und Krise: Verschulden für das Abendessen

Daniela weiß, dass es nicht für alles reicht. Es ist halb acht. Sie kommt gerade mit dem Bus von der Arbeit und geht auf dem Weg zur Wohnung noch zum Supermarkt. Bald wird ihr zehnjähriger Sohn hungrig vom Fußball nach Hause kommen. Doch es ist Monatsende. Eigentlich hat Daniela kein Geld mehr für Einkäufe. Sie studiert jedes Preisschild, vergleicht, legt etwas zurück. Am Ende steht sie mit ein paar wenigen Waren an der Kasse. Dort beginnt das, was Argentinier die „Bicicleta“ nennen, das Jonglieren mit verschiedenen Kreditkarten, um sich über den Monatswechsel zu retten. Daniela ist 37 Jahre alt, alleinerziehend und Sozialarbeiterin. Sie hat zwei feste Stellen im öffentlichen Gesundheitswesen und arbeitet an vielen Tagen zehn bis zwölf Stunden. Trotzdem bezeichnet sie sich als „pobre asalariada“, als Working Poor. Miete und Nebenkosten, die Schule ihres Sohnes und die Fahrten zur Arbeit verschlingen einen Großteil ihres Einkommens. Die Privatschule ist kein Statussymbol. Daniela arbeitet länger, als die staatliche Schule geöffnet ist, und hat niemanden, der ihren Sohn am Nachmittag abholen könnte. „Die Fixkosten fressen mich auf“, sagt sie und beschreibt ihren Alltag wie das Computerspiel Tetris, das immer schneller abläuft. Nur wenige spüren eine Erholung Für größere Anschaffungen bleibt kaum etwas. Selbst eine neue Computermaus oder ein Toaster werden zum Problem. Ihr einziger regelmäßiger Luxus sei das Fitnessstudio, sagt Daniela. „Das ist meine Medizin.“ Selbst ein viertägiger Urlaub mit ihrem Sohn bereitete ihr zuletzt Schuldgefühle, weil sie wusste, dass sie das Geld eigentlich nicht hatte. Sobald das Gehalt kommt, verschwindet ein Teil davon in den Raten des vergangenen Monats. Der neue Monat beginnt bereits mit neuen Schulden. Danach beginnt die Bicicleta von vorn. Danielas Alltag verdeutlicht den Widerspruch, der ein Jahr vor der nächsten Präsidentenwahl zum politischen Problem für Javier Milei wird. Denn Argentiniens Wirtschaft hat sich unter dem libertären Präsidenten in vieler Hinsicht stabilisiert. Die monatliche Inflation lag im August bei 1,7 Prozent. Anfang 2024 hatte die jährliche Teuerung 289 Prozent erreicht. Die Regierung erzielt Primärüberschüsse, die Zentralbank baut wieder Reserven auf, die Armutsquote sank im zweiten Halbjahr 2025 laut offiziellen Zahlen auf 28,2 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht von „beeindruckenden Ergebnissen“ und verweist auf die gesunkene Inflation, die fiskalische Stabilisierung und den Abbau von Regulierungen. Nur sieht dieselbe Wirtschaft aus der Nähe längst nicht mehr so glänzend aus. Der Politikanalyst Lucas Romero spricht von einem „Desacople“, einer Entkopplung der argentinischen Wirtschaft von den Argentiniern. „Das Versprechen Mileis war ein kurzer, heftiger Schmerz und dann eine schnelle Erholung“, sagt Romero. Dieses ursprüngliche Narrativ der Regierung steht zunehmend unter Druck, da die Erholung für viele Menschen nicht spürbar ist. Exportboom und Milliardeninvestitionen Argentinien hat heute gewissermaßen zwei Wirtschaften. Die eine liegt in Vaca Muerta, Argentiniens riesigen Schieferölvorkommen in Patagonien, in den Bergbauregionen der Anden und den großen Agrargebieten. Dort werden Milliarden investiert, Produktion und Exporte steigen. Die andere liegt in den Industriegebieten rund um Buenos Aires, in der Bauwirtschaft, im Einzelhandel und in den Haushalten. Dort verschwinden Arbeitsplätze, die Einkommen stagnieren, und der Konsum steht unter Druck. Diese Spaltung ist eine beabsichtigte Folge des Umbaus des argentinischen Wirtschaftsmodells unter Milei. Über Jahrzehnte hatte das Land seine Industrie mit hohen Zöllen, Importbeschränkungen und Subventionen geschützt. Milei hält dieses Modell für eine der Ursachen der chronischen wirtschaftlichen Schwäche. Anstatt Unternehmen zu schützen, die vor allem für den heimischen Markt produzieren, will er Argentinien dort wachsen lassen, wo das Land international konkurrenzfähig ist. Bei Agrargütern, Öl und Gas sowie im Bergbau. Das Potential ist beträchtlich. In der patagonischen Schieferformation Vaca Muerta verfügt Argentinien über einige der größten Schiefergasreserven der Welt. Die Investitionen beschleunigen sich. Nach Schätzungen der Energieberatung Wood Mackenzie sind derzeit neue Projekte im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar in Planung. Im Bergbau werden zudem neue Förderungen von Kupfer, Lithium, Silber und Gold vorbereitet. Nach Regierungsangaben könnten die Exporte in den kommenden Jahren kräftig wachsen. Schon von Januar bis Juli dieses Jahres exportierte Argentinien Waren im Wert von 58,4 Milliarden US-Dollar, fast 23 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Tausende Betriebe geschlossen Doch Ölquellen und Kupferminen haben einen Nachteil, wenn es darum geht, eine breite wirtschaftliche Erholung zu erzeugen. Sie sind kapitalintensiv und beschäftigen vergleichsweise wenige Menschen. Der IWF stellt fest, dass das Wachstum stark auseinanderläuft. Energie, Bergbau und Landwirtschaft entwickeln sich dynamisch, während Bereiche mit vielen Arbeitsplätzen wie die Industrie und Bauwirtschaft zurückbleiben. Seit Ende 2023 haben nach offiziellen Zahlen rund 3400 Industriebetriebe geschlossen. Mehr als 200.000 formelle Stellen im Privatsektor sind verschwunden. Verschiedene Branchen der argentinischen Industrie, die jahrzehntelang hinter hohen Handelsbarrieren produziert haben, sind nun mit billiger Konkurrenz aus dem Ausland konfrontiert. Im Juli lag die Industrieproduktion fünf Prozent unter dem Vorjahresniveau, während die Importe zunehmen. Die Regierung betrachtet einen Teil dieser Entwicklung als notwendige Bereinigung. Ineffiziente Unternehmen, so die Logik, können nicht auf Dauer von überhöhten Preisen und staatlichem Schutz leben. Viele argentinische Industrielle bestreiten nicht einmal, dass sich das Land öffnen muss. Ihr Einwand ist ein anderer. Die ausländische Konkurrenz sei hereingelassen worden, bevor die alten Kosten Argentiniens beseitigt worden seien. Unternehmen zahlen weiterhin hohe Steuern, Finanzierung ist teuer und die Infrastruktur mangelhaft. Gleichzeitig verbilligt ein relativ starker Peso Importe. Die heimische Industrie soll also international konkurrieren, während sie einen Teil der Belastungen des alten Modells weiterträgt. Das Leben bleibt teuer Das traditionelle argentinische Industriemodell konzentrierte sich auf Buenos Aires und seinen riesigen Ballungsraum. Fast 40 Prozent der Wähler leben dort im Großraum. Der neue Boom findet jedoch Hunderte Kilometer entfernt statt, in Patagonien und den Andenprovinzen. In Buenos Aires schließen Fabriken, während in Neuquén und anderswo eine neue Rohstoffwirtschaft entsteht. Für Menschen wie Daniela ist dieser Boom weit weg. Für sie ist nicht das Bruttoinlandsprodukt entscheidend, sondern was nach Miete, Stromrechnung, Transport und Kreditkartenabrechnung vom Gehalt übrig bleibt. Der Regierung ist es gelungen, die Inflation drastisch zu senken. Aber weniger Inflation ist nicht gleichbedeutend mit niedrigeren Preisen. Sie steigen einfach langsamer. Gleichzeitig hat die Regierung Subventionen für Strom, Gas, Wasser und öffentlichen Verkehr zurückgefahren. Auch die Löhne haben den Einbruch der vergangenen Jahre noch nicht vollständig aufgeholt. Nach Daten der Beratungsfirma Invecq lagen die Reallöhne im formellen Privatsektor zuletzt noch rund fünf Prozent unter dem Niveau vor Mileis Amtsantritt. Im öffentlichen Sektor betrug der Rückstand sogar knapp 20 Prozent. Das verfügbare Einkommen fiel noch stärker, weil viele staatlich subventionierte Leistungen teurer wurden. Griff zur Kreditkarte Diese Lücke wird zunehmend mit Kredit geschlossen. „Die Leute verschulden sich heute, um zu essen“, sagt Daniela. Lebensmittel werden mit Kreditkarten bezahlt, die Rechnung wird verschoben oder durch einen neuen Kredit abgelöst. Wer mehrere Karten besitzt, verteilt die Ausgaben. In den Jahren extrem hoher Inflation vergaben argentinische Banken vergleichsweise wenige Kredite. Gleichzeitig verloren Schulden durch die Geldentwertung schnell an realem Wert. Mit der Stabilisierung hat sich das geändert. Banken und Fintech-Unternehmen haben die Kreditvergabe ausgeweitet. Die Schulden verschwinden aber nicht mehr mit der Inflation, während hohe Zinsen die Rückzahlung erschweren. Die Folgen sind inzwischen in den Statistiken sichtbar. Im Juni waren 12,8 Prozent der Bankkredite an Familien im Verzug. Zwar ist das etwas weniger als im Vormonat, liegt aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Bei Fintechs und anderen Kreditgebern außerhalb des Bankensektors ist die Lage noch schwieriger. Rund 12,1 Millionen Menschen hatten im Februar Kredite von Fintech-Unternehmen oder anderen Anbietern, deren Zinsen teilweise immens sind. Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens Equilibra waren zuletzt rund 5,8 Millionen Menschen mit Zahlungen mehr als 90 Tage im Rückstand, fast ein Drittel der Kreditnehmer. Milei im Umfragetief Die Regierung verweist darauf, dass Argentinien im internationalen Vergleich noch immer einen kleinen Kreditmarkt hat und der Anstieg der Zahlungsausfälle teilweise eine Folge seiner raschen Ausweitung sei. Tatsächlich dürfte beides zutreffen. Der Kreditmarkt normalisiert sich, doch viele Argentinier nutzen ihn nicht für Investitionen, sondern um ihren Lebensstandard zu erhalten. Die Entwicklung schlägt sich auch politisch nieder. Als Milei Ende 2023 gewählt wurde, dominierte die Inflation praktisch alle anderen Sorgen. Inzwischen verliert sie politisch an Bedeutung, während Themen wie Arbeitsplätze, Löhne und die Kaufkraft in den Vordergrund rücken. In einer Anfang September erhobenen Umfrage von Atlas Intel für Bloomberg waren 38,1 Prozent der Befragten mit Mileis Amtsführung zufrieden, 58 Prozent unzufrieden. Besonders groß war die Ablehnung unter Personen mit niedrigen Einkommen. Im regionalen Vergleich schneidet nur die venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez schlechter ab als Milei. Mileis Reformen beruhen auf der Annahme, dass die Stabilisierung irgendwann in eine breitere Wachstumsphase übergeht. Mehr Exporte bringen Dollar, Investitionen schaffen neue Produktionskapazitäten, und daraus sollen schließlich Arbeitsplätze entstehen. Der IWF hält diesen Weg grundsätzlich für tragfähig, warnt aber auch davor, dass gesellschaftliche Unterstützung schwieriger zu erhalten sein werde, wenn Wachstum und Beschäftigung nicht stärker zulegen. Für den Politikanalysten Romero liegt darin die entscheidende Frage des kommenden Wahljahres. „Ist ein Wirtschaftsmodell nachhaltig, das politische Unzufriedenheit produziert, weil die Einkommen nicht steigen?“ Daniela hat für diesen Abend wieder eine Lösung gefunden. Eine ihrer Karten ist gedeckt, der Einkauf bezahlt. So hangelt sie sich weiter von Monat zu Monat. „Dass ich eine feste Arbeit habe, bewahrt mich davor, auf der Straße zu leben“, sagt sie zynisch. Solange sie ihre Arbeit behält, funktioniert ihr Tetris-Spiel noch einigermaßen. Sicher fühlt sie sich deswegen nicht.