„Dazu kann die Geschäftsstelle keine Aussage treffen. Eine Antwort wäre rein spekulativ.“ Copy and paste ist die Antwort auf drei Fragen, die diese Zeitung dem Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks zukommen ließ. Eine Frage lautete: Wie sehr haben seine Reformen in der Volksmusik und im Bayern2-Programm die Entscheidung des Rundfunkrats beeinflusst, den Ende Februar 2027 endenden Vertrag mit BR-Kulturdirektor Björn Wilhelm bei der Sitzung am 20. Juli in Nürnberg nicht um weitere fünf Jahre zu verlängern? Karl-Felix Scheele, Leiter der Geschäftsstelle des BR-Rundfunkrats, weigert sich auch, eine Stellungnahme des Gremiums zu der Entscheidung der Intendantin Katja Wildermuth, Wilhelm vorzuschlagen, zu übermitteln, „da der Rundfunkrat mit der Personalie nicht erneut befasst wird“- Es ist so etwas wie der verzweifelte Versuch, eine Anomalie der deutschen öffentlich-rechtlichen Mediengeschichte hinter sich zu lassen. Denn eigentlich deutet an jenem Montag im Juli im holzgetäfelten Saal des Funkhauses Nürnberg zunächst wenig darauf hin, dass die 34 anwesenden Rundfunkräte (von insgesamt 50) gleich den Kulturchef durchfallen lassen werden. Einer, der dabei war, schildert, wie sich die Rundfunkräte vorab schon im Ausschuss für Wirtschaft und Finanzen über die Personalie Wilhelm nicht einig waren. Dazu muss man wissen, dass sich die Rundfunkräte in drei Gruppen organisiert haben. Die „Progressiven“ versammeln sich rund um den SPD-Landtagsabgeordneten Volkmar Halbleib, zu den „Schwarzen“ gehören Vertreter der CSU, der Kirchen, der Freien Wähler, der Heimatverbände und zur „Kaktus“-Gruppe Vertreter der Grünen – aber auch der „Schwarzen“. Das Ergebnis hat alle überrascht Vor der Vorabstimmung im Ausschuss hieß es, die Personalie sei nicht unumstritten gewesen. Aber das Ergebnis in der richtigen Abstimmung habe dann alle überrascht: 18 Neinstimmen, 14 Jastimmen und zwei Enthaltungen. Die zwei AfDler, die fast immer mit Nein stimmten, seien wohl nicht traurig gewesen, sagt ein Rundfunkratsmitglied. Vielleicht sei hier eine Personalie instrumentalisiert worden, die jemand anderem schaden sollte. Tatsache ist, dass schon am nächsten Tag beim Empfang der bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner auf Schloss Schleißheim diplomatische Bemühungen starteten, um den „Unfall“ auszubügeln. Es gab sogar eine offene Solidaritätsadresse führender BR-Leitungskräfte für Björn Wilhelm, was diesem aber wohl eher schadete, wie aus dem Funkhaus in Freimann zu hören ist. Wilhelm soll in Folge jeden einzelnen Rundfunkrat angerufen haben. Das hatte offenbar ein gemischtes Echo. Rundfunkräte fühlten sich dem Vernehmen nach nicht ernst genommen. Auf einmal war sein „fehlender Stallgeruch“ ein Thema. Die Berufung von Iris Mayerhofer als Unterhaltungschefin sei kontraproduktiv gewesen. Dank ihr schafften es nun Trashformate wie „Das Duell ums Zelt“ ins Programm, die es so vorher nicht gegeben habe. Hinzu kam die Reform des Radio-Kulturkanals Bayern 2, die Mitarbeiter und Hörer vergrätzte - auch das gehört zur Gemengelage. Bis in die vergangene Woche hinein sei um eine Mehrheit in dieser Personalie gekämpft worden, heißt es inoffiziell aus dem Rundfunkrat. Dann habe die Intendantin das Thema beenden müssen, um nicht mit einer zweiten verlorenen Wahl ihres Kandidaten selbst beschädigt zu werden – als ob das nicht längst geschehen wäre. Jetzt gebe noch keine neuen Namen und viele neue Fragen. Eine davon können wir beantworten: Bei der nächsten Sitzung des BR-Rundfunkrats am 8. Oktober wird noch keine neue Kandidatin (einige beklagen die Männerlastigkeit im BR) oder Kandidat präsentiert. Dazu heißt es aus dem Umfeld der Intendantin, dass bald ein Aushang gemacht und um Bewerbungen gebeten werde. Sogar die übernächste Sitzung im Dezember sei für eine Wahl möglicherweise noch zu früh. Rundfunkräten missfält indes, dass in der Zwischenzeit die Besetzung des Bayern-2-Leitungsposten anstehe, es könne nicht sein, dass in der Sache noch Björn Wilhelm entscheide. Gegen den Rundfunkrat wird die BR-Intendantin Katja Wildermuth sicher nicht agieren. Der F.A.Z. teilt sie mit: „Wir haben über den Sommer zahlreiche gute Gespräche mit Mitgliedern des Rundfunkrats geführt. Dennoch konnten wir im Ergebnis leider keine belastbare Mehrheit für eine Wiederberufung des Kulturdirektors gewinnen. Ich werde daher seine Wiederberufung in der nächsten Rundfunkratssitzung nicht erneut zur Abstimmung stellen. Das fällt mir persönlich nicht leicht. Björn Wilhelm hat die notwendigen Transformationsprozesse des BR entschieden und erfolgreich vorangetrieben und zugleich starke programmliche Akzente gesetzt. Für mich steht im Vordergrund, gemeinsam mit dem Rundfunkrat den Auftrag zu erfüllen, den Politik und Gesellschaft uns mit auf den Weg gegeben haben: den Bayerischen Rundfunk zukunftsfähig weiterzuentwickeln.“
