FAZ 21.05.2026
16:01 Uhr

Beschaffungsamt-Reform: Die nüchterne Aufrüsterin


Das Rüstungsamt in Koblenz gilt als Behördenfestung. An der Spitze arbeitet seit Jahren eine Frau, die hinter einer Fassade betonter Unauffälligkeit enormen Einfluss entfaltet.

Beschaffungsamt-Reform: Die nüchterne Aufrüsterin

Keine deutsche Behörde hat in den vergangenen vier Jahren mehr Geld und Einfluss gewonnen als das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz. Seit dem Ukrainekrieg ist das Amt, das früher beschaulich arbeitete, eine Multi-Milliarden-Maschinerie für Rüstungsaufträge geworden. An der Spitze steht eine Frau, bereit und in der Lage, Wasser in den Schampus der Verteidigungswirtschaft zu gießen. Annette Lehnigk-Emden, demnächst 65 Jahre alt, ist seit 35 Jahren in Koblenz mit Rüstung und Ausrüstung der Streitkräfte befasst. Es gibt niemanden in der Republik, der mehr von dem Amt, seinem Personal und seinen Befindlichkeiten versteht als die Juristin. Deren musikalischer rheinisch-pfälzischer Dialekt steht dabei in schroffem Gegensatz zur Nüchternheit ihrer Reden und Anweisungen. Mitte der Woche referierte Lehnigk-Emden bei einem heiteren Rüstungs-Empfang in einer Berliner Lokalität namens „Chateau“ staubtrocken über anstehende Reformen der „Prozesslandschaft“, Mängel bei Lieferzeiten und Lieferkadenzen und über die Preisaufsichtsfunktion ihres Amtes „gegen willkürliche Preisfindung“. Anderswo heißt das „Rüstungsinflation“ und bedeutet, dass etliche wehrtechnische Unternehmen immer noch wenig, zudem qualitativ fragwürdiges Material verspätet liefern, dafür aber zu deutlich erhöhten Preisen. Pistorius hatte Angst vor dem Apparat Lehnigk-Emden, die privat Hunden und der Natur besonders verbunden ist, hatte in ihren Spitzenfunktionen zunächst als Justiziarin dafür zu sorgen, dass die oft einseitigen Verträge der Industrie mit der Bundeswehr endlich in ein juristisches Gleichgewicht kamen. Für Schrott muss seither weniger gezahlt werden. Danach war sie eine Weile offiziell Stellvertreterin einer Amtschefin und ist nun seit 2023 selbst die Präsidentin. Pistorius entschied sich damals für einen Personalwechsel, aber gegen eine Reform, aus Angst vor der Macht des Apparats. Das Rüstungsamt hat im vorigen Jahr mehr als einhundert größere Beschaffungsvorhaben auf den Weg gebracht, Gesamtwert etwa 85 Milliarden Euro. Mit der gleichen Belegschaft waren vor wenigen Jahren lediglich fünfzehn solcher Vorlagen erarbeitet worden, mit einem Volumen von 5,4 Milliarden. Das bedeutet, dass die etwa 11.000 Verwalter, Prüfer und Beschaffer des Amtes ihren Output um mehr als das Zehnfache gesteigert haben. Dass Lehnigk-Emden nun zum Ende ihrer Laufbahn noch die Gelegenheit bekommt, das Amt am Rhein zu reformieren, ist eine Chance. Vielleicht die letzte, bevor sich erweist, ob genug getan wurde, um das Land und seine Bürokratien den Bedrohungen der Zeit anzupassen.