FAZ 08.05.2026
13:02 Uhr

Bergsteigerin Nicole Niquille: „Wenn du im Rollstuhl sitzt, sagst du: Nimm, was das Heute dir gibt“


Als erste Schweizerin wurde Nicole Niquille 1986 geprüfte Bergführerin. Dann hatte sie einen schweren Unfall. Seitdem lebt sie im Rollstuhl und hat andere Wege gefunden, den Bergen nah zu sein.

Bergsteigerin Nicole Niquille: „Wenn du im Rollstuhl sitzt, sagst du: Nimm, was das Heute dir gibt“

An den Moment, der ihr Leben veränderte, hat Nicole Niquille keine Erinnerung mehr. „Man hat mir erzählt, was passiert ist“, sagt sie. Erinnern kann sie sich nur an die Minuten vor dem Unfall. Sie habe Morcheln gesucht, gleich hinter dem alten Bauernhaus, in dem sie heute lebt. Am 8. Mai 1994, einem Sonntag, Muttertag. An einem Muttertag war Nicole Niquille zur Welt gekommen. An einem Muttertag wäre sie beinahe gestorben. Hinter dem Haus ragt die steile Felswand auf, unter der sie damals unterwegs waren. Aus dieser Wand löste sich in großer Höhe ein Stein, nicht viel größer als eine Nuss. Er traf Nicole Niquille nach dem langen Fall unglücklich am Kopf. Und von einem Moment auf den anderen war das Leben der Kletterin, Bergführerin, Extrembergsteigerin ein völlig anderes. Die warme Nachmittagssonne prallt wie ein Scheinwerfer auf das helle Bauernhaus mit den gelben Fensterläden. Nicole Niquille wartet vor der Tür, auf dem kleinen Hof. Eine herzliche Begrüßung, dann geht es durch das alte Holztor, von Wind und Wetter und vielen Wintern gebleicht, und drinnen mit dem Lift nach oben. Sie und ihr Mann haben das frei stehende Bauernhaus im Dorf Charmey im Kanton Freiburg rollstuhlgerecht umbauen lassen. Ein Unfall brachte sie zum Klettern Der Lift bringt einen hinauf in ein herrlich offenes, helles Wohnzimmer, mit Holzboden, frei liegenden Dachbalken, kunstvollen Holzverkleidungen. Ein warmes, freundliches, großzügiges Zimmer, ein Raum, der die Natur ins Haus zu holen scheint. Nicole Niquille rollt an den Holztisch, auf dem sie zwei Bücher bereitgelegt hat über das Krankenhaus in Nepal, das sie initiiert hat und in dem sich vieles von dem bündelt, was an ihrem Weg so beeindruckend ist. Ihr Mann, Walliser mit breitem, herzlichem Lachen, macht starken Kaffee. Dann beginnt Nicole Niquille zu erzählen. Zum Klettern, sagt sie, sei sie durch einen Unfall gekommen. Sie war 18 und mit einem Freund auf dem Motorrad unterwegs, als ein entgegenkommendes Auto aus der Kurve getragen wurde und mit ihnen zusammenstieß. Ihr linkes Bein wurde so schwer verletzt, dass die Ärzte anfangs befürchteten, sie müssten es abnehmen. Sie konnten das Bein retten, aber Nicole Niquille musste eine lange Reihe von Operationen überstehen, und trotzdem blieb die Beweglichkeit des Beins eingeschränkt. Um die Muskeln wieder zu aktivieren, empfahlen ihr die Ärzte Sport. Und weil ihre Zwillingsschwester kletterte, ging Nicole Niquille mit. „Dann bin ich eigentlich nur noch geklettert“, sagt sie. Was zum einen am Klettern lag, das sie begeisterte, zum anderen an dem Mann, mit dem sie kletterte und in den sie sich verliebte. Erhard Loretan war ein herausragender Bergsteiger, schon damals, „er hatte vor nichts Angst“, sagt Niquille. Später, im Oktober 1995, wurde der Schweizer der dritte Mensch, der auf allen 14 Achttausendern stand, und der zweite nach Reinhold Messner, dem dies ohne Verwendung von Flaschensauerstoff gelang. An seinem 52. Geburtstag, am 28. April 2011, verunglückte Erhard Loretan auf einer Tour in den Berner Alpen tödlich. Irgendwann war klar: Sie wollte von den Bergen leben „Wir waren jedes Wochenende und die ganzen Ferien zusammen in den Bergen. Und eigentlich auch außerhalb der Ferien“, erinnert sich Nicole Niquille. Sie war Lehrerin damals, „ich hatte viel frei im Sommer“. Die Touren wurden immer anspruchsvoller, von der heimischen Bergkette, den Gastlosen, über die französischen Alpen mit dem mythischen Montblanc-Massiv bis zum Himalaja. Irgendwann war Nicole Niquille klar: Sie wollte in den Bergen leben, von den Bergen leben. Als Bergführerin. „Ich habe Erhard gefragt, was denkst du, ich würde gern den Bergführerkurs machen. Er hat nur gelacht. Da war für mich klar: Das mache ich.“ Sie liebte das Klettern, sie liebte die Herausforderung, und sie liebte es, sich neue Welten zu erschließen. Egal, ob Loretan an ihren Erfolg glaubte oder nicht. Also meldete sie sich an. Ohne sich klar darüber zu sein, dass noch nie eine Schweizerin den Kurs abgeschlossen hatte. „Als ich 1984 anfing, wusste ich nicht, dass ich die Erste war“, sagt Nicole Niquille. „Aber wenn du die einzige Frau unter 85 Aspiranten bist, merkst du es dann schon.“ Sie wollte den Kurs unbedingt schaffen, und sie wollte ihn gut schaffen, nicht nur so durchrutschen, auch wegen der Frauen, die nach ihr kommen würden, denen sie ein Beispiel geben wollte. Im September 1986 war es so weit. „Auch Erhard war stolz darauf“, sagt sie und lacht. Mit 29 folgte ihre erste Expedition in den Himalaja Die acht Jahre Bergführen, die folgten – unter anderem war sie mit Heiner Geißler unterwegs, damals CDU-Generalsekretär und passionierter Bergsteiger –, waren eine großartige Zeit: die Freiheit, die Unabhängigkeit, die Verantwortung, die Freundschaften, die körperliche Bewegung in der Natur. „Ich war viel mit jungen Leuten unterwegs, konnte reisen, organisieren, die Welt kennenlernen.“ Die Begeisterung erfüllt sie noch heute, beim Erzählen, vom Gefühl, etwas gefunden zu haben, das ganz zu ihr passte. Eine einzige schlechte Erfahrung nur habe sie als Bergführerin gemacht: mit sieben Männern, die mit ihr auf den Montblanc wollten. „Das war reine Neugier bei denen“, sagt Niquille. „Sie wollten nur wissen, wie es so ist mit der ersten Frau als Bergführerin.“ Mit 29 folgte ihre erste Expedition in den Himalaja. April 1985, K2, mit 8611 Metern der zweithöchste Berg der Welt. Das Team mit Erhard Loretan und anderen war ohne Flaschensauerstoff und ohne Hochträger unterwegs. Nicole Niquille war schon weit über 8000 Meter aufgestiegen, als die Schmerzen und die Schwellung in ihrem linken Bein so schlimm wurden, dass ihr nichts anderes blieb, als umzudrehen – „ich hatte eine Thrombose, eine Folge der Beeinträchtigungen durch den Motorradunfall“. Sie stieg allein ab, trotz Schmerzen und Erschöpfung. Hätte sie unterwegs nicht einen koreanischen Bergsteiger getroffen, der ihr mit einer Spritze weiterhalf, es wäre wohl knapp geworden mit dem Erreichen des Basislagers. Ein Jahr später fuhren sie zum Mount Everest (8848 Meter), an die tibetische Nordseite. Sie waren die einzige Expedition dort. Niquille hatte Zeit bis zum 25. August, dann musste sie zurück in die Schweiz, wegen des Bergführerkurses. Bis dahin erlaubte das Wetter keinen Gipfelversuch, also fuhr sie ab. Und während Loretan und ein Teamkollege später den Gipfel des höchsten Bergs der Welt erreichten, schloss sie zu Hause als erste Frau den Bergführerkurs ab. Einen Vorteil wenigstens hatte die Sache: „Ich war besser akklimatisiert als die meisten anderen.“ Sie konnte nicht sprechen, sich nicht bewegen, gar nichts Dann kam der 8. Mai 1994. Als sie in der Klinik aus dem Koma erwachte, konnte sie nicht sprechen, sich nicht bewegen, gar nichts. „Nur denken konnte ich. Und ich habe auch gedacht: Wie kann ich mich umbringen? Aber ich konnte ja nichts machen.“ Erst nach drei Wochen war die erste Bewegung möglich, der Daumen. „Und ich dachte, es wird wie nach dem Motorradunfall werden, du wirst wieder in die Berge gehen, ich hatte neue Hoffnung.“ Sie hatte Schmerzen, Albträume, Angstzustände, doch es ging langsam voran, Schritt für Schritt, dank Ärzten, Physiotherapeuten und vor allem der Familie. „Es ist so wichtig, Leute, die du liebst, um dich zu sehen, Familie und Freunde. Das hilft dir auch physisch.“ 21 Monate blieb sie in einem Rehabilitationszentrum in Basel. Doch irgendwann ging es nicht mehr weiter voran. „Wenn die Therapeuten dich anleiten, einen Lift zu nehmen, dann weißt du, ich werde wohl nie mehr laufen.“ Seither ist ihr der Rollstuhl geblieben – der „vermaledeite Rollstuhl, der mir trotz allem vieles ermöglicht hat“, wie sie in ihrem Buch „Und plötzlich… am Himmel ein Berg“ schreibt. Kann man das irgendwann akzeptieren? „Du musst“, sagt Nicole Niquille. „Oder du akzeptierst es nie. Ich kann nicht sagen, dass ich es heute akzeptiert hätte. Ich fühle mich wohl, aber akzeptiert habe ich es wahrscheinlich nicht.“ Sie erzählt von Silke Pan, einer Artistin, die seit einem Sturz bei einer Trapeznummer querschnittsgelähmt ist. Mehrmals hat sie mit ihr darüber gesprochen. Sie könnten beide nicht sagen, dass sie es akzeptiert hätten, „weil das Leben nicht mehr ist wie vorher“, wie sie sagt. „Aber heute ist das Leben auch schön, man muss es schön machen. Das Leben wird nie ein Geschenk machen, wenn du nicht selbst etwas dafür tust.“ Diese schönen Momente machen das Leben aus. Und verhindern, dass man dem Leben nachtrauert, das hätte sein können. 1997 eröffnete „Chez Nicole“ Nach dem Unfall suchte Nicole Niquille einen Ort, um neu anzufangen, an dem man sie und ihre Vorgeschichte nicht kannte. „Ich brauchte etwas ganz anderes“, sagt sie. „Etwas, was ich noch nie gemacht hatte, um nicht immer alles zu vergleichen.“ Auf einem Ausflug mit ihrer Schwester entdeckte sie einen Ort, der sie sofort verzauberte: den Bergsee Lac de Tanay im Unterwallis. Nach endlosen Tagen mit „Kaminen und Schloten“ der Basler Pharmaindustrie vor der Nase wusste sie: Hier wollte sie bleiben. In der Natur, in den Bergen. Ein Restaurant am See stand zur Versteigerung an, sie erwarb es, machte eine Ausbildung für die Restaurantleitung, und im Mai 1997 eröffnete „Chez Nicole“. 14 Jahre lang führte sie das Bergrestaurant. Es war die Herausforderung, die sie gesucht hatte. „Das Restaurant war ein Geschenk“, sagt sie. „Aber es war auch nicht immer einfach.“ Im Rehazentrum hatte sie wie in einem Kokon gelebt, immer war jemand da gewesen, der sich um sie gekümmert hatte. „Und plötzlich bist du raus, in einer ganz anderen Welt, in der jeder Stein jetzt ein Hindernis ist und nicht mehr was zum Drüberklettern.“ Der Lac de Tanay wurde zu einem Wegweiser in ihrem Leben. Hier lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen, im Februar 2000 heirateten sie. Hier arbeitete in der Küche Ang Gelu Sherpa, der eines Abends von seiner Schwester erzählte. Pasang Lhamu Sherpa war 1993 die erste Nepalesin gewesen, die den Gipfel des Mount Everest (8848 Meter) erreicht hatte. Auf dem Abstieg, überrascht von einem Sturm, kam sie ums Leben. Ihr großes Ziel war es immer gewesen, die Verhältnisse von Frauen und Kindern in Nepal zu verbessern, die Lebensbedingungen, die medizinische Versorgung. Nicole Niquille, die Nepal und seine Bewohner lieben gelernt hatte, beschloss mit ihrem Mann, die Invaliditätsabfindung von der Versicherung in Höhe von 100.000 Franken in eine Stiftung zu stecken, um dort ein Krankenhaus zu errichten – und die Pläne von Pasang Lhamu Sherpa in die Tat umzusetzen. „Ich muss draußen sein“ Sie reiste nach Nepal, trotzte allen Hindernissen, organisierte Helfer, Geldgeber, Mitstreiter. 2003 war Grundsteinlegung, im April 2005 nahm das Krankenhaus in Lukla die ersten Patienten auf. Seit gut 20 Jahren steht es nun allen Menschen dort offen, 10.000 Patienten werden jährlich behandelt. Noch immer ist sie jeden Tag mit dem Projekt beschäftigt. „Wir brauchen 450.000 Franken im Jahr für den Betrieb des Spitals.“ Einmal im Jahr versucht sie, nach Nepal zu reisen, unterwegs ist sie dort mit Trägern, einer für den Rollstuhl, einer für sie selbst. Es gibt ihr viel, für das Krankenhaus zu arbeiten. „Das ist schon fast ein bisschen egoistisch“, sagt sie und meint es nur halb im Scherz. Die Berge liebt Nicole Niquille noch immer. „Ich habe eine wunderschöne Wohnung, aber ich brauche Luft, ich brauche Wind, ich brauche Schnee. Ich muss draußen sein.“ Sie war beim Trekking in Nepal, mit einer Freundin in den Dolomiten, ihre Nichten nahmen sie im Schlitten mit in die Walliser Berge. Einmal brachte eine prominente Seilschaft sie auf den Gipfel des Breithorns, auf 4164 Meter, im vergangenen Jahr seilten sie Freunde im Wallis in eine Eishöhle ab, 40 Meter tief, in eine unwirklich bizarre, gefrorene Welt. „Das war wahnsinnig schön.“ Ihr Gesicht strahlt, die Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Der Drang und die Lust, Dinge auszuprobieren, haben sie nie verlassen. Vor einigen Jahren war Nicole Niquille zu Gast in einer Talksendung des Schweizer Senders SRF. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte, zu jedem Abschnitt durfte sie sich ein Musikstück wünschen. Am Ende wählte sie einen Titel von Joan Baez: „Gracias a la Vida“. Danke für das Leben. „Wenn du jung und fit bist, denkst du, ah, ich werde das und jenes machen, du hast Träume, Projekte“, sagt Nicole Niquille. „Wenn du im Rollstuhl sitzt, sagst du: Carpe diem. Nimm, was das Heute dir gibt. Jeden einzelnen Tag.“ Am 13. Mai wird Nicole Niquille 70 Jahre alt. „Ich sage jeden Tag Danke. Danke zu der Welt, dass ich all das noch machen kann.“