Sachen gibt’s! Es gibt zum Beispiel den „Facharzt für Allgemeinmedizin“. Der ist dem hier jetzt zum Zuge kommenden Glossisten bisher nie aufgefallen. Aus dem Alter, in dem er studentischen Umgang pflegte und dabei hin und wieder mitkriegte, der und der wolle nach bestandenem Examen noch den oder sogar „seinen Facharzt machen“, als gehörte der ihm schon (zu), ist er heraus, Patient allerdings geblieben. Als solcher ist man, jahrzehntelang, immer am Praxisschild vorbei, von dem man kaum Notiz nahm, man wusste ja, dass hier ein Arzt ist und wie der heißt, und in die Praxis rein – bis man neulich darauf stieß, ja regelrecht darüber stolperte: „Dr. Sowieso – Facharzt für Allgemeinmedizin“. Mit ihm wird es studienordnungshalber sicherlich seine Richtigkeit haben, wobei es schon auffällt, dass er, also der Facharzt, noch einmal fünf Jahre zusätzlich dauert und letztlich auch kostet, an Lebenszeit und an Geld. Erst sechs Jahre normales – aber was heißt schon noch „normal“? – Medizinstudium mit Vorklinik, Klinik, Praktischem Jahr und allem Pipapo und dann noch mal fünf draufgesattelt, fünf Jahre, von denen sich der Nichtmediziner und wahrscheinlich auch der Allgemeinmediziner ohne diesen vermaledeiten Facharzt doch fragt, was denn in den ersten sechs Jahren die ganze Zeit studiert wurde – doch wohl auch was mit Medizin?! Das Praktische ist die Sache Heraus kommt jedenfalls der Facharzt für Allgemeinmedizin, abzulesen an jedem, und hier mag das Wort doch irgendwie stimmen: normalen Hausarztpraxisschild. Denn das ist die Sache dabei: das Praktische. Erst wenn man sich als praktischer und obendrein selbständiger Arzt niederlassen will, braucht man den Facharzt, sonst kann man es mit dem Arzt für Allgemeinmedizin gut sein lassen und sich zum Beispiel in irgendeinem Gesundheitsamt nützlich machen oder im Krankenhaus als Assistenzarzt arbeiten, wo man dann für die weniger kniffligen Fälle zuständig ist, irgendwann reine Routine, die einem dann bald zum Hals raushängt, also bestimmt kein Zuckerschlecken. Dass der Facharzt für Allgemeinmedizin rein begrifflich ein hölzernes Eisen ist – oder sollte es irgendwo auf der Welt doch einen Fachmann fürs Allgemeine geben? –, spricht genauso wenig gegen die Dignität dieses Berufs wie die Tatsache, dass er in West-Deutschland quasi von der DDR übernommen wurde, ein wenig wie diese Ampelmännchen. Denn früher gab es hier, in der Bundesrepublik, nur den „Arzt für Allgemeinmedizin“, wobei „nur“ in keiner Weise im Sinne einer Popeligkeit gemeint ist. In diesem Zusammenhang wäre jedoch an das „Losigkeitssyndrom“ zu erinnern, unter dem, wie man hört, westdeutsche Ärzte sehr wohl gelitten haben – sie wollten eben auch etwas mit „Fach-“ machen, letztlich: vom Fach sein und bekamen deswegen 1992 quasi gesamtdeutsch und in Gottes Namen ihren „Facharzt für Allgemeinmedizin“. Freunde der Wortbildung werden die Diagnose problemlos Richtung „Facharztlosigkeit“ präzisieren und darin ein hochproduktives Muster erkennen: Arbeits-, Humor-, Schlaflosigkeit und was der Losigkeiten mehr sind. Es bringt jetzt aber nichts, noch groß darauf herumzureiten, dass der „Facharzt für Allgemeinmedizin“ sprachlich nicht hinhaut. Was liegt letztlich an Begriffen? Hauptsache, gesund.
