Diese Nacht von Barcelona war auch eine der großen und der kleinen Geschichten. Einige spielten sich vor aller Augen ab, sichtbar für jedermann. Andere liefen verborgen im Hintergrund – jedoch nicht, ohne Wirkung zu entfalten. Zuallererst war da das Drama um Hansi Flick, den Trainer des FC Barcelona. Am Sonntagmorgen hatte Flick einen Anruf von seiner Mutter erhalten: Der Vater war in der Nacht verstorben. Das Spiel am Abend gegen Real Madrid, der Clásico, trat auf einmal in den Hintergrund. Aber Flick fasste eine Entscheidung, die ihm den Schmerz ein Stück weit erträglicher machen sollte. „Ich habe überlegt, ob ich es geheim halten oder mit meiner Mannschaft darüber sprechen sollte. Für mich ist sie wie eine Familie, und ich habe beschlossen, dass ich diese Nachricht mit ihr teilen möchte. Was sie dann getan haben, ist unglaublich, das werde ich nie vergessen“, sagte Flick später auf der Pressekonferenz, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Viel Anteilnahme und Zuneigung für Flick Seine Spieler hatten ihm nicht nur ihre Anteilnahme, sondern auch einen 2:0-Sieg über Real Madrid geschenkt, der den Gewinn der spanischen Meisterschaft sicherte. Von seinem Personal war er zuvor mit viel Zuneigung bedacht worden, und auch Reals Weltklassekicker Jude Bellingham und Vinícius kamen nach einer für seinen Vater eingerichteten Schweigeminute für eine Umarmung an den Seitenrand. Als Flick später den Meisterpokal überreicht bekam, schaute er demonstrativ gen Himmel und kämpfte mit den Tränen. „Dieser Pokal, dieser Sieg ist für die Familie Flick“, sagte Verteidiger Pau Cubarsí. Cubarsí ist erst 19 Jahre alt und jubelt bereits über seine zweite Meisterschaft mit den Profis. Er ist fester Bestandteil einer Mannschaft, die Flick seit seinem Antritt 2024 zu einer echten Einheit geformt hat. Wie stark das Miteinander wieder ausgeprägt ist, ließ sich nicht nur an den Gesten für den Trainer erkennen. Es jubelten auch jene, die bei diesem historischen Sieg gar nicht mitwirkten – historisch, weil es Barcelona zum ersten Mal gelang, den Titel im direkten Duell gegen den Erzrivalen zu gewinnen. Auf der Tribüne tänzelte der verletzte Lamine Yamal umher, als wäre er auf dem Feld einem Heer von Gegenspielern ausgesetzt. Als sein Vertreter Marcus Rashford einen Freistoß zum 1:0 in den Winkel schoss, hüpfte Yamal vor Begeisterung auf und ab. Der mitfiebernde Yamal warf damit unfreiwillig die Frage nach seinem Gegenpart auf. Aufseiten Reals fehlte Kylian Mbappé ebenfalls verletzt, aber anders als sein Pendant aus Barcelona unterstützte er die Kollegen nicht vor Ort. Der Franzose schaute das Spiel vor dem heimischen Fernseher. Zur Pause, als seine Mannen nach Toren von Rashford und Ferran Torres 0:2 zurücklagen, schrieb er über seine sozialen Medien „Hala Madrid“. Reals Schlachtruf wirkte in diesem Moment reichlich deplatziert – oder handelte es sich etwa um einen bissigen Beitrag an Ironie? Mbappé im Fokus Mbappé stand in den vergangenen Tagen weit mehr im Mittelpunkt, als es für einen Verletzten zuträglich wäre. Einen Kurztrip mit seiner Freundin, der spanischen Schauspielerin Ester Expósito, nach Sardinien nahmen ihm die Fans übel. Er solle sich lieber um seine Reha kümmern, statt auf einer Mittelmeerinsel zu turteln, so das allgemeine Echo, in das auch die in Madrid ansässigen Sportzeitungen einstimmten. Mbappé war im Clásico nicht anwesend und doch ein Thema. In den Tagen zuvor hatte er am Mannschaftstraining teilgenommen, für einen Einsatz oder eine Kadernominierung reichte es anscheinend aber nicht. Das Verhältnis zu Trainer Álvaro Arbeloa soll eher von kühler Professionalität denn von gegenseitiger Zuneigung geprägt sein. Auch soll Mbappé etlichen Kollegen nicht verziehen haben, dass sie zum Rausschmiss von Trainer Xabi Alonso beigetragen hatten. Angeblich ist der Missmut des Franzosen so groß, dass ein Wechsel im Sommer nicht mehr als ausgeschlossen gilt. Mbappé, der zwar zuverlässig Tore liefert, aber ohne den die Mannschaft homogener auftritt (Ähnliches war schon bei PSG zu sehen), ist nur eines von vielen Problemen Madrids. Real ist im Mai 2026 die Antithese zum erfolgreichen, größtenteils geschlossen auftretenden FC Barcelona. In den Tagen vor dem Spiel hatten Berichte dominiert, die von Zerwürfnissen des eitlen Luxuskaders kündeten. Nach dem Training soll es zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Federico Valverde und Aurélien Tchouaméni gekommen sein, in deren Folge Valverde sogar ins Krankenhaus musste. Der Nationalspieler Uruguays bestritt zwar, dass eine vorausgegangene Prügelei dafür verantwortlich war, aber allein der Umstand, dass Real beide mit einer jeweils siebenstelligen Strafe belegte, spricht Bände. Da rückte in den Hintergrund, dass sich auch Antonio Rüdiger und Álvaro Carreras handfest zu Leibe gegangen sein sollen. Dompteur für Madrid gesucht Schon Alonso hatte sich während seiner Anfangszeit gewundert, welch Kindergarten ihm da anvertraut worden war. All die überbordenden Egos und Dauerstreitereien führten zu einer Saison ohne Titel, was vom Selbstverständnis des Klubs her der Apokalypse nahekommt. Der Trainerwechsel von Alonso zu Arbeloa zeigte keinerlei Wirkung. Längst sucht Reals Präsident den nächsten Dompteur für seinen Zirkus. Dabei soll er bei einem alten Freund vorstellig geworden sein, dem zuzutrauen ist, die Kabine wieder unter Kontrolle zu bringen: Angeblich möchte Real José Mourinho zurückholen, der bereits von 2010 bis 2013 in der spanischen Hauptstadt wirkte. Allerdings soll Mourinho angesichts der vielen schwierigen Charaktere gefordert haben, bei einem erneuten Engagement die vollständige Kontrolle über Personalentscheidungen zu bekommen. So weit, so schlecht. Denn auch Mourinho gilt nicht als einfacher Charakter. In seiner ersten Amtszeit in Madrid war es ihm letztlich zum Verhängnis geworden, dass er alle Feuer, die er an einer Stelle unter Kontrolle brachte, an einer anderen wieder schürte.
