FAZ 05.06.2026
18:21 Uhr

Ballettpremiere in Frankfurt: Lauter herrlich vertrackte Sachen


Frankfurt, jetzt bist du wieder eine Stadt des Tanzes: Thomas Bradley und Ioannis Mandafounis, der künstlerische Direktor der „Dresden Frankfurt Dance Company“, beeindrucken mit „Here is There“, ihrem gemeinsamen  Doppelabend im Schauspielhaus.

Ballettpremiere in Frankfurt: Lauter herrlich vertrackte Sachen

Nichts gefährde das Feld der Choreographie stärker als der Geschmack des Choreographen, so Thomas Bradley anlässlich seiner choreographischen Premiere mit der „Dresden Frankfurt Dance Company“ im Schauspielhaus Frankfurt.  Der Tänzer ist einer der herausragenden Protagonisten des insgesamt großartig tanzenden, spielenden, stimmlich laut wie Tennisspieler ausatmenden Ensembles. Der neue Doppelabend ist mit „Here is There“ überschrieben, was vielleicht heißt „Hier ist genauso gut wie da“. Der künstlerische Direktor Ioannis Mandafounis hat die Company sicher und stabil auf zeitgenössisches Tanzweltniveau zurückgebracht.  Das neue Programm teilt er mit Bradley; dabei lässt er dessen Choreographie „Several Rhythms Sort Thoughtfully“ den Vortritt und folgt mit dem eigenen neuen Stück mit dem Titel „This Beautiful Messy Thing“ nach der Pause. So fühlt sich die Gegenwart eben an Bradleys Stück für fünf Tänzer in Patchwork-Anzügen beginnt mit Gängen in großer Ruhe und bleibt auf unaufgeregte Weise eigen, überlegt und sehr elegant. Es öffnet den Blick für die Schönheiten einer komplett schwarzen, entkleideten Bühne, die von wundervollen Lichtstimmungen räumlich gestaltet wird, indem etwa knallhelle Lichtflure auf den Boden geworfen werden, in die es manche Tänzer förmlich hineinzuziehen scheint. Überwiegend aber herrscht das Erwartungen evozierende Theater-Nichts, das Kahle: no Drama. Dahinein stellen sich die fünf Tänzerinnen und Tänzer mit dem ihnen eigenen Mut. Das allein zu beobachten, ist phantastisch. Oben hängt eine riesige Wand ein wenig hinter dem Portal, die bald zu einem Drittel gesenkt wird wie eine ständige Bedrohung, wie ein massives Theater-Fallbeil. So einfach ist es, zu zeigen, als wie wenig selbstverständlich die Gemeinschaft der Lebenden da auf der Bühne empfunden werden darf. Krieg, Tod, das Leid in der Welt, die Gewissheit, dass jeden Augenblick etwas Einschneidendes geschehen kann, nach dessen Eintreten nichts mehr ist wie zuvor, all das wird mit dieser hängenden Drohkulisse zur Anschauung gebracht. Natürlich schaut man nicht ständig da hoch, niemand kann ständig an die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers denken. Man kann all das aber auch nicht vollständig ausblenden: So fühlt sich die Gegenwart eben an. Bradleys etwa halbstündiges Werk mit dem zungenbrecherischen Titel ist ein kluges Panorama der kommunikativen Möglichkeiten zeitgenössischen Tanzes. Es ist ein Vergnügen, es anzuschauen und den John-Cage-haften, maschinenhaft knackenden Sound von Zachary Mentzos zu hören, eine irgendwann zur Trompete wechselnde Studie in Konzentration. Zusammen lehren Musik und Tanz vieles: Wie entsteht denn hier das choreographische Gewebe für fünf Ensemble-Mitglieder aus Gängen, vorwärts und rückwärts, aus verstellten Wegen und geteilten Pfaden, aus gestreckten Armen und tiefen Kampfsport-Kniebeugen, und was soll das Publikum damit anfangen? Bradleys Anzug-Kostüme haben rucksackgroße schwarze Applikationen auf der Brust, wie Riesenblüten oder Herzen, mit denen die Tänzer zueinander zu finden scheinen: fabelhaft. Was aber meint Bradley letztlich mit dem Satz, von eigenen ästhetischen Vorentscheidungen absehen zu wollen? Bereits in der Generation vor Bradley und Mandafounis, bei ihren Mentoren Emanuel Gat und William Forsythe, begann der Prozess, den Tänzern möglichst großen Entscheidungsspielraum in der Gestaltung des Tanzes einzuräumen. Der Tod des Autors in Anwesenheit sozusagen. Nun wird man trotzdem in alle Ewigkeit ein Stück von Forsythe von einem von Mandafounis unterscheiden können. Wir sind alle viel individueller, als wir denken. Bradleys künstlerische Individualität ist sehr komplex und interessant. Bei Mandafounis spielt der Komponist Philipp Danzeisen selbst auf der Bühne Schlagzeug, davor hören wir etwas Billie Eilish und Iron Maiden, und alle zehn Tänzer haben richtig Spaß. Das verspielte Stück haut sich im besten Solo gegen Ende selbst in Trümmer, wenn ein Tänzer Sachen schmeißt, die metallisch krachend landen. Frankfurt, du bist wieder eine Tanzstadt.