FAZ 01.06.2026
11:33 Uhr

Bad Nauheim: Was ein Demokratiepate der Polizei macht


Mehr als Helfer und Ermittler: Die Polizei mitten in Hessen öffnet sich vermehrt der Gesellschaft. Dazu zählen Demokratiepaten. Bernd Büthe ist einer von ihnen.

Bad Nauheim: Was ein Demokratiepate der Polizei macht

Bernd Büthe ist in Bad Nauheim werktäglich viel unterwegs. Der Polizist kommt auf seinen Rundgängen in voller Montur auch mit vielen Menschen fast jeden Alters ins Gespräch. Ob mit rechtstreuen Bürgern, Bettlern oder Kriminellen. Das bringt seine Aufgabe als Schutzmann vor Ort mit sich. „Ich habe mich mit Leuten zu unterhalten und mich um sie zu kümmern“, sagt der sportlich-muskulöse Mann mit Vollbart und freundlichem Lächeln. Er sieht sich als Streitschlichter, denn er hat mehr Zeit für die Menschen als seine von Einsatz zu Einsatz eilenden Streifenkollegen. Das kennt er noch aus seiner Zeit „im Auto“, wie er sagt. Sein Schutzmann-Amt trat Büthe vor gut zehn Jahren an, da war er der erste seiner Art in der Kurstadt. Diese Rolle passt gut zu seiner zweiten Aufgabe als Polizist: Er ist einer von fünf Demokratiepaten der Polizei in Mittelhessen. Das Quintett hat das Polizeipräsidium in Gießen im März vorgestellt. Die Fünf sind die ersten Demokratiepaten in ganz Hessen, wie Büthe hervorhebt. Polizeipräsident Torsten Krückemeier hat die Idee aus Nordrhein-Westfalen mitgebracht. Sie passt gut zu seiner Linie: Unter dem Sauerländer öffnet sich die Polizei vermehrt der Gesellschaft und mischt sich nicht nur als Ordnungsmacht ein. Ein Ausdruck davon ist auch der Einsatz gegen Judenhass, etwa in Zusammenarbeit mit der Universität Gießen. Die Demokratiepaten geben dieser Linie zusätzlich Gesicht. Polizist: Demokratie bei Rundgängen vermehrt ein Thema Als Schutzmann vor Ort hat Büthe in den vergangenen Jahren einen Wandel wahrgenommen. „Die Demokratie ist bei meinen Fußgängen vermehrt ein Thema“, berichtet er. „Die Leute befassen sich mehr mit der Frage, wohin sich unsere Demokratie entwickelt und warum die Polizei so handelt, wie sie es tut“, erläutert er. Angesichts dessen fragt er, weshalb sich die Polizei aus solchen Diskussionen heraushalten sollte, obwohl sie doch die Demokratie verteidige. Polizisten schützten Demonstrationen und ihre Teilnehmer. Im Zweifel auch solche, die es nicht gut mit der Demokratie meinten. Andere Meinungen gelte es auszuhalten, auch wenn es schwerfalle. Dass auf diese Weise aus ehemaligen Gegnern fast Freunde werden können, hat Büthe während einer Fortbildung zum Demokratiepaten in der Polizeiakademie in Lüchow erlebt. Der Ort war einst ein Brennpunkt von teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei im Zusammenhang mit Transporten von Atommüll ins Zwischenlager Gorleben. In Lüchow habe er mit ehemaligen Aktivisten diskutiert. „Das war spannend“ – zumal er selbst zwei Castor-Transporte begleitet hatte, wie er sagt. Damals sei Polizisten viel Hass entgegengeschlagen. Ein Tankstellenbetreiber im Wendland habe ihm und Kollegen sogar den Gang zur Toilette verweigert. Während der Fortbildung habe es den Dialog gegeben, der vor 15 Jahren nicht möglich gewesen sei. „Für die Aktivisten war es schön zu sehen, dass wir auch Menschen sind“, berichtet Büthe. Als Demokratiepate hat er sich nicht nur wegen seiner Erfahrungen als Schutzmann vor Ort beworben. Er ist Personalrat und aktiver Vertreter der Gewerkschaft der Polizei. „Beide Ämter gibt es nur in einer Demokratie“, gibt der mit einer Polizistin verheiratete Endvierziger zu bedenken. Auch mit seinen beiden Söhnen führe er immer wieder spannende politische Diskussionen. Nur: „Denen bin ich zu konservativ“, sagt er und lacht. Unter Polizisten werden auch Zweifel an Demokratiepaten laut Wie aber füllt er als Demokratiepate dieses Amt im Alltag aus? Zum einen organisiert er für Kollegen etwa Besuche in der Synagoge in Bad Nauheim. Auf diese Weise lernten die Beamten jene Menschen kennen, die sie regelmäßig beschützten. Als Nebeneffekt ergebe sich für den Fall des Falles ein taktischer Vorteil, gibt er zu bedenken. Sollte einmal ein Einsatz wegen eines Übergriffs durch Dritte notwendig werden, kennen die Polizisten die Synagoge nun viel besser als vor ihrem Besuch. Zum anderen gebe es Workshops zu Themen wie Links- und Rechtsextremisten und Islamisten, die Demokratie gefährdeten. Büthe verhehlt nicht eine gewisse Skepsis bei manchen Kollegen den Demokratiepaten gegenüber. So heißt es unter den 2000 Beamten im Polizeipräsidium hinter vorgehaltener Hand, Krückemeier setze hier falsche Schwerpunkte. Für den Polizeipräsidenten gehen dagegen die verschiedenen Ansätze zum Schutz der Demokratie Hand in Hand. In einem Interview der „Gießener Allgemeinen“ bezeichnete er Polizisten jüngst sogar als „Außendienstleister der Demokratie“. Büthe will auch in seine Kollegenschaft hineinwirken wie in die Gesellschaft. Die Demokratiepaten seien aber gewiss keine neue Meldestelle und schon gar keine Einheit, um Kollegen umzuerziehen. Allerdings seien selbst Polizisten nicht dagegen gefeit, in einer Blase zu leben mit einer gewissen Sicht auf die Welt. „Polizist ist ein Risikoberuf, das macht etwas mit einem“, hebt er hervor. Deshalb sei darüber reden das A und O: „Da kann man vieles heilen.“