FAZ 25.09.2026
16:55 Uhr

BESuch von Leo XIV.: „Papamania“ in Frankreich


Papst Leo XIV. weckt im Land der Laizität große Hoffnungen. Er kommt mit Lob für den Wiederaufbau von Notre-Dame – und mit scharfer Kritik.

BESuch von Leo XIV.: „Papamania“ in Frankreich

Sieben Minuten lang haben am Freitag die Glocken der 45.000 französischen Kirchen geläutet, pünktlich zur Landung Papst Leos XIV. am Pariser Flughafen Orly um zehn Uhr. Der landesweite Willkommensgruß entspricht der zugewandten, fast fiebrigen Stimmung in Frankreich. Unter großem Jubel von Zigtausenden Schaulustigen fuhr der Papst vom Quartier Latin zur Kathedrale Notre-Dame. In der Presse ist bereits von einer „Papamania“ die Rede, so sehr weckt der erste offizielle Besuch eines Papstes seit 18 Jahren Emotionen im Land der Laizität. Frankreich hat seit 1905 eine strikte Trennung von Staat und Kirche im Gesetz verankert. Präsident Emmanuel Macron sagte beim Empfang des Papstes am Mittag im Élysée-Palast, „die französische Laizität ist keineswegs eine Verleugnung der Religion“. Der Besuch sei eine „große Ehre“ und wecke „Hoffnungen“. Die Reise des Papstes steht unter dem Bibelspruch „Damit die Welt das Leben habe“ aus dem Johannesevangelium. Der Spruch entfaltet ein besonderes Echo, denn die französische Minderheitsregierung hat Mitte Juli ein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe durch das Parlament gebracht, das von der französischen Bischofskonferenz als Zivilisationsbruch angeprangert wird. Nennt Sterbehilfe „Angebot eines geplanten Todes“ Der Papst aus Chicago verurteilte in seiner Ansprache im Élysée Genmanipulationen bei künstlichen Befruchtungen und Leihmutterschaft, die in Frankreich verboten sind. Er ging aber auch scharf mit „dem Angebot eines geplanten Todes“ zu Gericht und nahm damit Präsident Macron ins Visier, der sich für die aktive Sterbehilfe eingesetzt hatte. „Die Versuchung ist groß, von der Wissenschaft eine Lösung für all unser Leid zu erwarten“, sagte der Papst. Aber es gebe ein Recht auf Leben, das unantastbar sei. Der Papst betonte im Präsidentenpalast, dass er seine familiären Wurzeln in der Normandie und im Béarn am Fuß der Pyrenäen nicht vergessen habe. Seine Großmutter mütterlicherseits stammt aus der normannischen Hafenstadt Le Havre. Der Papst sagte, dass eine „gerechte Laizität“ nicht den Ausschluss der Religion aus dem öffentlichen Raum verlange. Das konnte als Anspielung verstanden werden. Macron hat angekündigt, im Namen der Laizität nicht den drei Messen des Papstes in Paris, Lourdes und Metz beizuwohnen. Macron stammt aus einer agnostischen Familie, besuchte eine Jesuitenschule und ließ sich auf eigenen Wunsch als Jugendlicher taufen. Als Papst Franziskus im September 2023 eine Messe in Marseille feierte, war Macron zugegen. Die meisten Präsidentschaftskandidaten legen großen Wert darauf, bei der Freiluftmesse am Samstag auf dem Concorde-Platz und den Champs Élysées gesehen zu werden, zu der 600.000 Gläubige erwartet werden. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die ihre drei Kinder von einem Priester der inzwischen exkommunizierten Piusbruderschaft taufen ließ, kündigte ihre Präsenz bei der Messe in Begleitung von Parteichef Jordan Bardella an. Ihr rechtsextremer Rivale Éric Zemmour, der jüdischer Herkunft ist, wird bei der Messe zugegen sein. Zemmour umwirbt die traditionellen Katholiken, denen die Amtskirche und auch der Papst zu „progressiv“ sind. Besuch im Einwandererviertel Saint-Denis Nur noch die Hälfte der Franzosen bezeichnen sich als Katholiken. Aber zugleich erlebt die Kirche einen großen Zulauf bei den Erwachsenentaufen. Darunter sind besonders viele junge Menschen. Aus allen Teilen Frankreichs haben sich junge Leute auf die Reise nach Paris gemacht, um am Freitagabend im Stade de France an der Jugendandacht mit dem Papst teilzuhaben. Für den Bischof von Saint-Denis, Étienne Guillet, geht es um weit mehr als nur um eine große Abendveranstaltung mit 80.000 Teilnehmern. „Der Besuch des Papstes wird eine ganze Generation junger Menschen verändern“, sagte er. Guillet begrüßt den Papst zusammen mit dem Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko von der Linkspartei La France insoumise. In dem nördlich von Paris gelegenen sozialen Brennpunkt um die Königsbasilika in Saint-Denis sind die Katholiken inzwischen eine kleine Minderheit. Aber Guillet berichtete begeistert, wie sehr der Papstbesuch das Interesse junger Franzosen mit Einwanderungshintergrund an der Kirche geweckt habe. Frankreich schwanke „zwischen der Abwesenheit Gottes und dem Durst nach Gott“, sagte Kardinal François-Xavier Bustillo im Radio. Nach einem Empfang mit militärischen Ehren am Flughafen bildete der Élysée-Palast die erste Etappe des Papstbesuches. Leo XIV. und Macron unterhielten sich ohne Übersetzer unter vier Augen, in englischer Sprache, auch wenn der Papst seit dem Sommer Französischunterricht genommen hat. Das war der Rede anzumerken, die der Papst in flüssigem Französisch hielt. Gerüchten über Irritationen ist der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline, entschieden entgegengetreten. Aveline betonte, dass die viertägige Reise des Heiligen Vaters in kürzester Zeit, binnen vier Monaten, organisiert wurde. Die Zeitung „La Croix“ hatte über Missstimmung zwischen Paris und dem Vatikan berichtet, weil der Papst Macrons Angebot ausgeschlagen habe, sich in der Kathedrale von Handwerkern die Renovierungsarbeiten nach dem verheerenden Brand im Jahr 2019 erläutern zu lassen. Eine Delegation von Handwerkern, die Notre-Dame in neuer Pracht erstrahlen ließen, war stattdessen im Élysée eingeladen. Auch Feuerwehrleuten, die in der Brandnacht im Einsatz gewesen waren, schüttelte Leo zum Dank die Hand. Der Papst lobte ausdrücklich den Einsatz Macrons für die in der Rekordzeit von fünf Jahren bewältigte Restaurierung der Kathedrale. Er sehe darin ein Symbol für die ständige Erneuerungskraft der Kirche.