FAZ 09.09.2026
14:51 Uhr

Azubis mit Förderbedarf: Hessens Wirtschaft bestürzt über PISA-Ergebnisse


Viele Auszubildende können nicht ausreichend rechnen und lesen. Die Wirtschaftsverbände in Hessen sehen ihre Erfahrungen durch die aktuelle PISA-Studie bestätigt.

Azubis mit Förderbedarf: Hessens Wirtschaft bestürzt über PISA-Ergebnisse

Der Schock über das schlechte Abschneiden deutscher Schüler in der internationalen PISA-Bildungsstudie sitzt auch in Hessen tief. Unternehmerverbände und Wirtschaftsvertreter halten die Ergebnisse für alarmierend. Darunter ist auch die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Die Ergebnisse bestätigten die Erfahrungen vieler Handwerksbetriebe aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet. „Immer mehr Jugendliche starten mit mangelnden Grundkompetenzen im Lesen und Rechnen sowie in den Naturwissenschaften in eine duale Ausbildung, was zu erheblichen Problemen im Ausbildungsalltag führt“, teilt die Kammer mit. Die Präsidentin der Handwerkskammer, Susanne Haus, sieht den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung gefährdet. Und sie nennt Beispiele: Manche Auszubildenden könnten die Fläche einer Wand und die dafür benötigte Farbe nicht mehr berechnen. Oder sie scheiterten an schriftlichen Prüfungen, weil sie kaum lesen könnten. „Jugendliche brauchen keine Einser in allen Fächern – aber wir brauchen praktisch begabte Auszubildende, die rechnen, Texte verstehen und Zusammenhänge erkennen können“, sagt Haus. Eine gelingende Ausbildung beginne nicht am ersten Tag im Betrieb, sondern fuße auf einer soliden schulischen Bildung. In einer Umfrage der Handwerkskammer im Jahr 2022 hätten 44,7 Prozent der befragten Betriebe angegeben, dass ihnen höhere Kompetenzen der Jugendlichen im Rechnen, Lesen und Schreiben das Ausbilden erleichtern würden. Lob für Bildungschancenpaket Die Hoffnungen der Kammerpräsidentin ruhen auf dem neuen Bildungschancenpaket der Landesregierung. Es lege den Fokus auf die Förderung der Grundkompetenzen. In den nächsten Jahren komme es nun auf messbare Veränderungen an, meint Haus. Auch die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände sieht in der PISA-Erhebung 2025 ein „bildungspolitisches und ökonomisches Alarmsignal“: „Wenn ein Drittel der Jugendlichen die Basiskompetenzen im Lesen und Rechnen verfehlt und wir in den Naturwissenschaften den Anschluss an die internationale Spitze verlieren, geraten die Grundlagen für Ausbildungsreife, Innovationsfähigkeit und Wertschöpfung am Standort unter Druck“, meint der Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. Die Unternehmen spürten die Defizite der Schulabgänger jedes Jahr. Sie müssten die Auszubildenden erheblich nachschulen, damit die Ausbildung überhaupt gelinge. Pollert lobt ebenfalls das neue hessische Bildungschancenpaket, das die richtigen Prioritäten setze. Er vermisst jedoch klare Ziele: „Für die Umsetzung wünschen wir uns messbare Zielmarken und eine verlässliche Begleitung, damit sich früh erkennen lässt, was wirkt. Wir erwarten verbindliche Zielvorgaben, nicht nur Absichtserklärungen.“ Kontroverse Diskussion auf Landesebene Aus Sicht der Wirtschaft fehlt zudem noch ein Curriculum für das neue Pflichtfach „KI und Digitale Welt“, das in einem Jahr eingeführt werden soll. „PISA 2025 sollte Ansporn sein, gemeinsam an einem Strang zu ziehen“, sagt der Verbandsvertreter. Die hessische Wirtschaft stehe als Partner bereit. In der neuen PISA-Studie schneiden deutsche Schüler so schlecht ab wie nie zuvor. Die Kompetenzen der Fünfzehnjährigen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften seien so gering wie nie, und damit also auch niedriger als bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000. Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) hält das für „alarmierend“, sieht sein Bundesland aber mit dem Bildungschancenpaket auf dem richtigen Weg. Die Opposition im Landtag sieht das anders. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Mathias Wagner meint: „Angesichts des dramatischen Qualitätsverlusts reicht ein halbherziges Bildungspäckchen der Landesregierung mit Ankündigung für Veränderungen in ein paar Jahren nicht aus.“ Die Landesregierung müsse die Streichung von 500 Stellen bei der Sprachförderung in den Kitas sofort stoppen: „Es ist einfach ein Wahnsinn, dass ausgerechnet bei der Sprachförderung der Rotstift angesetzt werden soll. Denn gerade hier haben Kinder und Jugendliche laut PISA-Studie sehr große Probleme.“ Die Streichung von 300 Stellen für Schulen mit besonderen Herausforderungen hält Wagner für unverantwortlich: „Die Landesregierung macht das exakte Gegenteil von dem, was jetzt nötig wäre.“ Moritz Promny, bildungspolitischer Sprecher der FDP im Hessischen Landtag, hält es hingegen für richtig, dass die Landesregierung mit ihrem Bildungschancenpaket jetzt die Basiskompetenzen stärken will. Diese Erkenntnis komme jedoch spät. „Außerdem ist nicht entscheidend, was Schwarz-Rot ankündigt, sondern was tatsächlich im Klassenzimmer ankommt. Zusätzliche Unterrichtsstunden helfen nur, wenn auch ausreichend qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind.“ Auch Promny kritisiert, dass das Kultusministerium die Stellen an Brennpunktschulen kürzt. Der angebliche Einsatz für Chancengerechtigkeit sei nicht glaubwürdig.