Der Besuch bei Verwandten in Texas sollte nicht nur einem neun Jahre alten Jungen aus Mexiko zum Verhängnis werden, sondern auch seinen Schulkameraden, seiner Gemeinde und schließlich dem ganzen Land. Bei seinem Besuch in der texanischen Kleinstadt Seminole Anfang 2025 hatte der Junge sich mit dem hochansteckenden Masernvirus infiziert, das damals bereits in der Kleinstadt zirkulierte. Kurz nach seiner Rückkehr in die Gemeinde Cuauhtémoc im Bundesstaat Chihuahua brach bei dem ungeimpften Jungen ein roter Ausschlag aus. Es war der Beginn eines der massivsten Ausbrüche in der jüngeren Geschichte Mexikos. Binnen weniger Wochen füllten sich die Klassenzimmer der örtlichen Schule mit fiebernden Kindern. Ein Drittel der Schüler erkrankte, die Schule musste schließen. Doch das Virus blieb nicht in Cuauhtémoc. Über landwirtschaftliche Hilfskräfte, oft indigene Saisonarbeiter aus abgelegenen Bergdörfern mit geringem Impfschutz, verbreitete sich das Virus rasant über die Region hinaus. Seit Januar 2025 verzeichnete Mexiko laut den Daten des Gesundheitsministeriums über 17.000 bestätigte Infektionen und 40 Todesopfer, darunter mehrheitlich indigene Kleinkinder und Landarbeiter. Erfolg macht sorglos Mexiko galt lange als ein Vorbild im Kampf gegen Masern. Doch nun bröckelt das Programm. Epidemiologen sprechen von einem „Paradoxon des Erfolgs“: Weil die Krankheit jahrelang verschwunden war, ist die Sorglosigkeit gewachsen. In Mexiko sind auch mehrfache Umstrukturierungen des nationalen Gesundheitssystems verantwortlich, die zu einem Chaos bei der Koordinierung der Impfkampagnen führten. Erhebungen aus den Jahren 2021 bis 2023 zeigten, dass zu diesem Zeitpunkt nur etwas mehr als 70 Prozent der Kinder unter fünf Jahren die erste Impfung erhalten hatten. In ländlichen und indigenen Gebieten, wo das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und der mangelnde Zugang zur Versorgung weitere Barrieren bilden, war die Abdeckung noch schwächer. Als die Masern sich verbreiteten, waren sie nicht mehr aufzuhalten. Auch andere Faktoren kommen hinzu, wie sich nördlich der Grenze zeigt. Der Ausbruch in Seminole, wo der mexikanische Junge sich angesteckt hatte, befeuerte Diskussionen über den wachsenden Einfluss von Impfskeptikern. Im Jahr 2025 wurden in 45 US-Bundesstaaten mehr als 2200 Fälle und drei Todesopfer gemeldet. Die landesweite Impfquote sank in den vergangenen fünf Jahren von 95,2 auf 92,5 Prozent. Die Zunahme der Masernfälle ist eine direkte Folge davon. Für eine Herdenimmunität gegen das sehr leicht übertragbare Virus ist laut der Weltgesundheitsorganisation eine Quote von mindestens 95 Prozent notwendig. Während in Mexiko vor allem Mängel im Gesundheitssystem für die sinkende Impfquote sind, kämpfen die USA verstärkt mit einer Ablehnung aus ideologischen Gründen. Zu früh für eine Entwarnung Mexiko hat in den vergangenen Wochen mit einer massiven Kampagne reagiert und landesweit rund 25 Millionen Impfdosen verabreicht. Die Zahl der Fälle ist seitdem zurückgegangen. Das war auch dringend nötig. Im Juni beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA, die Fans aus der ganzen Welt anzieht. Einer der Austragungsorte ist auch Guadalajara, die Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco, der nach Chihuahua die zweitmeisten Ansteckungen und Todesfälle zählte. Auch in den Vereinigten Staaten sind die Masernfälle zuletzt zurückgegangen, wie die Daten der Gesundheitsbehörden zeigen. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass es noch zu früh ist, um Entwarnung zu geben.
