„Hong Kong is back!“, ruft eine Vertreterin der Großbank UBS, dem größten Businesspartner der Art Basel, am Eröffnungstag der Kunstmesse in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Realistischer wäre zu sagen: Der Limbo-Tanz der Art Basel durch die weltpolitischen Krisen geht weiter. Nach der Premiere in Doha, wo die wichtigste Kunstmesse der Welt erst im Januar ihren neusten Standort eingeweiht hat und jetzt iranische Raketen den Traum vom Kunstmarkt-Boom in den absoluten Monarchien am Golf platzen lassen, ist wieder Hongkong dran. Der Zugriff von Peking auf die Metropole mit ihrem Zollfreihafen und den Edelboutiquen ist trotz ihres Sonderstatus zuletzt immer fester geworden. Anfang des Jahres wurde der Hongkonger Medientycoon und Demokratieaktivist Jimmy Lai zu 20 Jahren Haft verurteilt; seit 2020 unterdrückt China mit einem Sicherheitsgesetz die Opposition. Werden die Erwartungen erfüllt? Von Politik ist auf der dreizehnten Ausgabe der Art Basel Hong Kong aber bewusst wenig zu spüren: Engagierte oder provokante Kunst ist dort nicht zu sehen. Oder, wie es Angelle Siyang-Le, die Direktorin der Hongkonger Dependance, ausdrückt: „Wir sind froh, einen Raum zu bieten, in dem man sich auf Kunst konzentrieren kann – mehr als auf alles andere.“ Insgesamt 240 Galerien aus 41 Ländern sind dafür angereist. Für den Kunstmarkt bleibt Hongkong das goldene Tor Asiens. Hoffnungen weckte nicht nur die aktuelle Instabilität im Nahen Osten, sondern auch die Stabilität, die der chinesische Markt trotz allgemeiner wirtschaftlicher Schwäche seit Neuestem wieder verspricht. Mit 14 Prozent am globalen Kunsthandelsvolumen steht China an Platz drei des nationalen Rankings im aktuellen „Art Basel & UBS Art Market Report“. Trotz der 2025 beklagten Leerkäufe und des Zollfurors von US-Präsident Trump wächst der chinesische Markt. Die Erwartungen in Hongkong sind also hoch. Aber werden sie auch erfüllt? Bei der Galerie Sprüth Magers (Berlin, London, Los Angeles and New York) erzählt die Asien-Direktorin Shi-Ne Oh, dass hochpreisige Verkäufe bisher zwar ausgeblieben seien, Kunst im mittleren Bereich aber gut liefe. Anne Imhofs melancholisch-lebensbejahendes Blumenkindgemälde „Poppy Runner III“ wurde schon am ersten Tag für 220.000 US-Dollar an eine asiatische Institution verkauft. Geradezu begeistert zeigt sich Judy Lybke von Eigen + Art (Leipzig, Berlin). „Ich habe von jedem Künstler was verkauft“, sagt er und meint unter anderem ein kleines Gemälde von Neo Rauch für 320.000 Euro. Weniger erfreulich sei für ihn die Blockade der Straße von Hormus. Werke, die er bei der Art Basel Qatar veräußert habe, könnten nicht verschifft werden, schon abgeschlossene Deals stünden auf der Kippe. Umso heiterer stimme ihn der Umsatz in Hongkong, sagt er. Überhaupt scheint die Champagnerlaune in den vollen Messehallen höchstens unter Jetlag oder Partykatern zu leiden. Aeneas Bastian von der gleichnamigen Berliner Galerie hat in Hongkong Pablo Picassos Ölbild „Le peintre et son modèle“ von 1964 für 3,5 Millionen US-Dollar an einen Privatsammler vermittelt. Nur der internationale Megagalerist David Zwirner feierte am Eröffnungstag einen noch größeren Erfolg. Er verkaufte eine magisch-realistische Malerei des chinesischen Künstlers Liu Ye für 3,8 Millionen Dollar – ein etwas höherer Preis als der für das teuerste Werk im vergangenen Jahr. Streift man an den Ständen der Bluechip-Galerien Zwirner, Gagosian, Pace oder White Cube vorbei, fällt einem die Ähnlichkeit ihrer Ausstellungskonzepte auf. Sie setzen auf die gleiche kuratorische Mischung wie in den zurückliegenden Jahren: Klassische Moderne und Nachkriegskunst, Sekundärwerke von Picasso, Alexander Calder oder Helen Frankenthaler hängen neben zeitgenössischer Malerei aus dem eigenen Programm, vor allem Albert Oehlen und George Condo. Ergänzend treten asiatische Superstars wie Takashi Murakami, Zeng Fanzhi oder die Installationskünstlerin Lee Bul aus Südkorea hinzu, die in Hongkong gerade im Museum M+ mit einer Retrospektive vertreten ist. Wie erfolgreich dieses eher konservative Modell ist, lässt sich nach zwei Tagen Messe schwerlich mit Zahlen belegen. Marc Payot, Senior Partner bei Hauser & Wirth, sagt: „Unser Gefühl ist positiv.“ Verkauft hat er etwa die großformatige Zeichnung „À Baudelaire (#1)“ von Louise Bourgeoise für 2,95 Millionen US-Dollar. Oehlen und Calder hingegen, so Payot am zweiten Tag, brauchten noch etwas Zeit. Besser keine Euphorie Auch deshalb verzichtet Payot auf überbordende Euphorie. Es laufe zwar besser als in den vergangenen zwei Jahren, meint er, besonders wichtig sei in Hongkong aber die „Kontaktpflege“. Schließlich seien hier die „Topsammler Asiens“ unterwegs, und mit denen müsse man langfristig und in Ruhe planen. Ähnliches hört man auch von anderen Galeristen. Probleme, so berichten sie, habe es nur für Sammler aus den USA oder Europa gegeben, die wegen kriegsbedingt gesperrter Flugkorridore nicht anreisen konnten oder wollten. Für leise Zuversicht reicht das: Hauptsache, Stabilität, keine große Spekulation, keine Experimente. Ein Wunsch, der die Messe auch künstlerisch dominiert. Doch es gibt Ausnahmen: Do Ho Suhs Stoff-Türklinken etwa, zu haben für rund 10.000 Dollar bei Lehmann Maupin (New York, London, Seoul), oder Ming Wongs KI-Kopien von Wong Kar-Wais Hongkong-Filmklassiker „In the Mood for Love“ bei Ota Fine Arts aus Singapur (Malerei und Videos, Edition von fünf, 30.000 – 50.000 Dollar). Auch Ryan Ganders gigantischer, schwarz spiegelnder Ballon mit der Aufschrift „Can you be lonely and happy?“ fällt auf (50.000 Dollar). Laut der unglücklichen Galeristin Mao Hashinokuchi von Taro Nasu aus Tokio ist es zwar das beliebteste Selfie-Motiv, lässt sich aber schlecht verkaufen. Künstlerisch interessant wird es auch in den Spezial-Sektionen. Bei den „Discoveries“ zeigt EMALIN (London) in metallenen Transportboxen festklemmende Animations-Skelette des jungen in Amsterdam lebenden Künstler Özgür Kar (ab 12.000 Dollar). In den Kabinetten, die als nischige Solo-Shows in die Galerienstände eingebaut sind, stellt Meyer Riegger Wolf (Seoul) die sandverwaschene Artefakt-Malerei der Berliner Künstlerin Jeewi Lee aus (ab 10.000 Euro). Die Digitalkunstsektion „Zero 10“ – in Hongkong neu, wenn auch etwas spät eingeführt – rückt jüngere Perspektiven ins Zentrum. Bei Office Impart aus Berlin ist das die von Jonas Lund. In absurden KI-Videos, sinnentleerten Wandsprüchen und mit Netzwerk-Modems in Retrooptik führt er den unbedingten Wachstumsglauben des Markts als illusorische Selbsterhaltung vor (Edition von fünf, 3800 Euro). Auch die Art Basel wird sich mit diesem Trugbild auseinandersetzen müssen. An den Verkaufstischen in Hongkong hörte man zum Abschied oft eine Floskel, die dem abgeklärt-verhaltenen Optimismus der diesjährigen Messe entspricht: „Let’s keep the conversation going.“ Lasst uns in Verhandlung bleiben. Art Basel Hong Kong, Convention and Exhibition Centre, Hongkong, bis zum 29. März, Tageskarte ab etwa 80 US-Dollar
