FAZ 26.03.2026
11:21 Uhr

Après-Ski in Ischgl: Die Party läuft heiß und die Piste ruft


Bei tausend Shots gib’s Rabatt: Kein Alpenort ist für seine Après-Ski-Kultur so berühmt wie Ischgl. Was ist so reizvoll daran, nach dem Skifahren exzessiv zu feiern und zu trinken? Ein Selbstversuch.

Après-Ski in Ischgl: Die Party läuft heiß und die Piste ruft

Vor der Schatzi-Bar hängen zwei Flamingos ab, trinken Bier und schauen mit glasigen Augen in die Dämmerung. Ihre Kostüme haben sie im Internet bestellt, bei Temu, sagen sie, lächeln und streichen zärtlich über den Stoff. Dann stoßen sie an. „Trinken gehört in unserem Alter doch dazu! Aber deshalb sind wir nicht hier. Das Skigebiet ist super!“ Trotz Rausch stehen sie jeden Tag um neun Uhr auf der Piste. Die Bergluft mache den Kopf frei. Ob sie schon in der legendären Trofana-Alm waren? „Ne, da gehen nur die Millionäre hin!“ Ich überlege, sie nach erotischen Abenteuern zu fragen, aber sie sind erst Anfang zwanzig, und die Gen Z soll ja sexmüde sein. Ich möchte die Flamingos nicht in Verlegenheit bringen und verabschiede mich. In der Schatzi-Bar steht die Luft, es riecht nach Alkohol, Schweiß und schlechtem Atem. Neunzig Prozent der Feiernden sind Männer, sie grölen und glotzen, denn auf dem Tresen tanzt eine osteuropäisch anmutende junge Frau in einem hautengen, weißen Overall. Sie hat für den heutigen Abend einen lasziven Gesichtsausdruck aufgelegt. Ab und an schiebt ihr irgendein Typ einen Geldschein in den Ausschnitt und bekommt Wodka in den Mund gespritzt. Der Mund ist so aufgerissen, dass ich an Vögel bei der Fütterung denken muss. Nach fünfzehn Minuten überfällt mich eine eigentümliche Müdigkeit, und ich verlasse die Bar. Es nieselt, meine Schuhe versinken im Schneematsch. Eine Gruppe grölender Holländer prostet mir zu, die bestens gelaunten Männer tragen nur Pullis und wanken Richtung Schatzi-Bar. Ich muss gestehen, dass ich kein Après-Ski-Typ bin, aber aus der Redaktion kam der Vorschlag: „Fahr nach Ischgl, und schau dir das mal an“, und ich habe mich gebeugt. Kein anderer Alpenort ist für seine Partykultur ähnlich berühmt wie dieser. Hier, so heißt es, geht die Post ab. Die Gäste kommen aus aller Welt an diesen auch „Ballermann der Alpen“ genannten Ort. Eine Bezeichnung, die Einheimische nicht sonderlich gern mögen. Als die Corona-Pandemie ausbrach, wurde Ischgl zum Superspreader-Hotspot. Die Urlauber feierten, sangen, infizierten sich, fuhren und flogen wieder nach Hause und steckten zahllose Menschen mit Covid-19 an. Später schrieb die „New York Times“, dass sich das Virus im „Kitzloch“ rasend schnell ausgebreitet habe. Also auf in die Après-Ski-Bar! Das Kitzloch, ein Alpenhaus im touristischen Chaletstil, ist mit so vielen Lichterketten und blinkendem Schnickschnack geschmückt, dass man es auch vom All aus sehen dürfte. Drinnen hält sich das Geschiebe und Gedränge noch in Grenzen. Eine hanseatische Familie mit zwei erwachsenen Söhnen wirkt etwas steif in den Hüften. Wahrscheinlich sitzt sie für gewöhnlich auf „Bodos Bootssteg“ an der Außenalster, wo die Gäste keine Skianzüge, sondern Polohemden mit aufgestelltem Kragen tragen. Ein DJ legt den Après-Ski-Hit „Octopus (100.000 Hände) von Mountain Crew auf. Die Liedzeilen, die viele Gäste mitsingen, sind leicht zu merken: „Wie viele Hände hat der Oktopus? 100.000 Hände. Wie viele Hände hat der Leguan? 100.000 Hände. Wie viele Hände hat der Ameisenbär?“ 100.000, klar. An der Bar komme ich mit zwei Männern ins Gespräch, sie leben in der Schweiz, sind Mitte dreißig und fahren seit vielen Jahren gemeinsam in den Skiurlaub nach Ischgl. Warum? „Super Skigebiet“, sagen sie, „nette Bars, gute Stimmung“. Beide haben Freundinnen, der eine heiratet demnächst. Zum Flirten, sagen sie, kämen sie nicht hierher. Sie bestellen drei Tequila, ich stutze, warum der dritte? „Eigentlich wäre noch ein Freund mitgekommen, aber der hat Krebs. Den dritten Schnaps trinken wir immer für ihn.“ Dieses Mal darf ich ihn trinken. Zu den beliebtesten Drinks im Kitzloch gehört ein Party-Shot namens Flügerl, ein Gemisch aus Wodka und Red Bull. Ein Flügerl kostet 5 Euro, aber der Wirt bietet Mengenrabatt an. Wer 1000 Flügerl bestellt, bezahlt 3300 Euro. Stolz vermeldet die Getränkekarte einen am 6.3.2025 aufgestellten „Flügerl-Record“. Milan hat 3000 Flügerl bestellt. Ich frage mich, auf wie viele Trinkende sich die Shots verteilt haben und wie viele Packungen Vomex A gegen Übelkeit am nächsten Tag in der Apotheke verkauft wurden. Von den Köpfen über Hoteltoiletten ganz zu schweigen. Außerdem warte ich darauf, dass endlich DJ Ötzis „Anton aus Tirol“ aus den Boxen dröhnt, und die Leute auf die Tische springen, aber DJ Ötzi scheint out zu sein. Es läuft „Party in der Gondel“. Immerhin tanzen jetzt die Ersten auf den Bänken. Den Text hat sich ein wahrer Poet ausgedacht: „Skischuh noch an, aber egal / Glühwein schon leer, Promille im Blut / Die Party läuft heiß und die Piste ruft nun.“ Als ich um elf Uhr im Bett liege und präventiv eine Halstablette lutsche, summe ich gegen meinen Willen: „Wie viele Hände hat der Oktopus? 100.000 Hände.“ Am nächsten Vormittag wagen sich nur wenige Schleierwolken in die Nähe der Sonne. Ich fahre mit Robert Sonderegger auf den Berg zum Schneeschuhwandern. Sonderegger ist um die siebzig, ein freundlicher, zurückhaltender Mann, der jene Gelassenheit ausstrahlt, die einem oft bei Menschen begegnet, die in den Bergen aufgewachsen sind. Sie hat viel mit dem Wissen zu tun, dass die Natur unbezwingbar ist. Man könnte auch von Demut sprechen. Als wir aus der Gondel steigen, fragt Sonderegger nach meiner Sonnenbrille. Dummerweise liegt sie irgendwo in meiner Wohnung in Frankfurt. Doch hier oben gibt es neben einem Restaurant auch ein Geschäft, und ich kaufe rasch eine Brille. Sonderegger denkt bestimmt: „Städter eben“. Als ich zurück bin, hilft er mir beim Anschnallen der Schneeschuhe. Für einen Moment fühle ich mich wieder wie ein Kind in der Skischule. Neben uns stehen Snowboarder, und einer aus der Gruppe sagt: „Flachmänner dabei, Jungs?“ Gelächter. Die ersten Schritte in den ungewohnten Schuhen fühlen sich an, als trüge ich Schwimmflossen. Wir müssen eine Skipiste queren. Obwohl die Region ausgebucht ist, habe ich nie das Gefühl von Enge, was an den 240 Pistenkilometern liegt, die hier wirklich jeder überschwänglich lobt. Sonderegger ist flott, dreht sich aber immer wieder nach mir um. Nachts hat es geschneit, und ich laufe ihm mit meinen Stöcken durch den Pulverschnee hinterher, froh, dass die Piste phantastisch präpariert ist, aber Sonderegger sagt: „So, jetzt geht’s in den Tiefschnee, weg von den vielen Leuten.“ Ich sage: „Toll!“ Sonderegger fräst einen Weg durch den Schnee. Es geht steil bergab, und ich rufe aus der Ferne: „Das ist ja wie auf der Streif!“ Er hört mich nicht. Ich betrachte die Gipfel der Silvretta, verliere das Gleichgewicht, stürze, stoße einen Schrei aus und versinke im Tiefschnee. Eine Schildkröte auf dem Rücken muss sich ähnlich fühlen. Es kostet erstaunlich viel Kraft, wieder aufzustehen. Ich schüttle den Schnee ab, und tue so, als wäre es mir nicht peinlich. Sonderegger sagt: „Geh nicht so große Schritte.“ Später, im Restaurant, erzählt er von einem jungen Mann, mit dem er einmal auf einer Schneeschuhwanderung unterwegs gewesen ist. Der Mann, Anfang zwanzig, wollte ihm beweisen, wie fit er war. Er stürmte den Berg hinauf, und Sonderegger erinnert sich, wie er über diesen Hochmut den Kopf geschüttelt hat. Oben angekommen, übergab sich der Mann. Sonderegger schmunzelt, und ich bin beruhigt. Ein langsamer Gast dürfte ihm lieber sein als einer, der vor lauter Ehrgeiz fast zusammenbricht. Als er sich an Corona erinnert, leuchten seine Augen. Schön sei diese Stille gewesen. Der Aufstieg auf den Berg, das Skifahren. Es war natürlich verboten, die Hänge hinunterzuwedeln. Manchmal kreisten Hubschrauber, und die Piloten hielten nach Übeltätern Ausschau. Sonderegger kennt Leute, die zur Tarnung weiße Skianzüge trugen. Abends, die Nacht ist kalt und klar, mache ich mich auf den Weg zur „Trofana Alm“, dem P1 der Party-Locations. Ein unterirdischer, mit Rollbändern ausgestatteter Fußgängertunnel verkürzt die Strecke ins Dorfzentrum und erinnert an einen Großflughafen. Mein Blick gleitet über die „Wall of Fame“, eine Bildergalerie mit jenen Stars, die hier bei den „Top of the Mountains“ Konzerten vor Tausenden Feiernden aufgetreten sind. Diese Saison eröffnete Ende November die Sängerin Rita Ora, beim Closing Concert am 2. Mai steht Christina Aguilera auf der Bühne. Zu gern wüsste ich, wie hoch ihre Gage ist, aber die freundliche Dame von Tourismus Ischgl hatte nur gelächelt und geschwiegen. Der Skiort hat früh ein Gespür fürs Geschäft bewiesen: Die Konzerte finden seit 1994 statt. Elton John, Tina Turner, Robbie Williams, Rihanna, Bob Dylan und Helene Fischer traten schon hier auf. Das Hotel Trofana Royal thront am Ende der Dorfstraße. Das Haus ist das einzige Fünf-Sterne-Superior-Hotel im Ort. Seine Gäste können gewissermaßen direkt vom Tresen der Trofana Alm ins Bett fallen. Der holzvertäfelte Club wirbt mit dem Label „Après-Ski de Luxe“. 50 Gramm Osietra Kaviar mit Kartoffelpüree, Blinis, Schnittlauch und Crème fraîche kosten 175 Euro. Vor der Tür steht eine Gruppe junger Männer und raucht. Sie tragen Jeans und T-Shirts, scherzen, niemand scheint zu frieren. Skiklamotten sind ab 20 Uhr in der Trofana Alm verpönt. Wer gegen den Dresscode verstößt, wird freundlich gebeten, sich umzuziehen, wobei manchmal ein Auge zugedrückt wird. Zwei blonde, schöne Frauen Anfang dreißig tragen noch ihre engen Skihosen. Ich stehe an der Bar und denke mit einem leicht hypochondrischen Gefühl an die Corona-Pandemie. Es ist heiß, stickig und brechend voll. Clubatmosphäre. Der Oktopus-Song wird in der Trofana Alm nicht gespielt, zu niveaulos. Der DJ legt „Y.M.C.A.“ auf, die Masse grölt. Die zwei Blondinen, leicht wacklig auf den Beinen, fragen mich, ob ich allein sei. „Ja“, sage ich. „Oh nein! Du musst mit uns feiern!“ Und da umarmen sie mich auch schon wie eine Freundin. Eine der beiden hält mir ein Glas direkt vor den Mund. „Trink!“, sagt sie. Gerührt gehorche ich. Der Tequila mit Red Bull schmeckt weniger eklig als befürchtet. „Und jetzt Champagner?“ Ich nicke. Woher der Champagner kommt? „Dort hinten stehen unsere Geldgeber.“ Sie wenden die Köpfe und lachen. Die Geldgeber leben in Süddeutschland und erwarten keine Gegenleistung für ihre Großzügigkeit. Nicht einmal einen Kuss? Empört schütteln die Blondinen die Köpfe. Sie seien vergeben und treu! Wir tanzen, und ich wage mich mit meinen neuen Freundinnen auf einen Tisch. Zuletzt habe ich das mit 25 auf dem Oktoberfest gemacht. Später spreche ich mit den Geldgebern, wobei sprechen das falsche Wort ist. Ich brülle ihnen ins Ohr. Einer heißt Basti und feiert seinen achtunddreißigsten Geburtstag, ein schmaler Typ mit traurigem Blick. Vielleicht liegt diese Melancholie ja am Alkohol. Da die Trofana Alm nur bis Mitternacht geöffnet ist, muss Bastis Geburtstag schon um elf Uhr gefeiert werden. Zwei seiner Freunde sind verkleidet, als Nonne und als Bischof mit roter Robe und Mitra. Wie eine Reliquie tragen sie eine Fünfzehn-Liter-Champagnerflasche zu wummernden Bässen durch den Club – Moët & Chandon Brut Impérial. Die Flasche kostet 4500 Euro. Basti sagt: „Eigentlich brauch ich das alles gar nicht, aber ich kann’s mir leisten.“ Die Melancholie ist einer plötzlichen Fröhlichkeit gewichen. Der Bischof beugt sich über die Champagnerflasche, dreht am Korken, dreht und dreht – er bricht ab. Ein Korkenzieher rettet die Party. Der Champagner spritzt und fegt die zur Pyramide aufgebauten Gläser weg. Happy Birthday! Später, zurück im Hotel Solaria, vergesse ich, eine Halstablette zu lutschen. Der Oktopus-Song hat sich zum Ohrwurm entwickelt und begleitet mich auf der Zugfahrt nach Hause. Die Berge werden kleiner, der Schnee wird weniger, und bald sind die letzten Inseln verschwunden. Aber vielleicht komme ich ja wieder. Weitere Informationen: Ruhig und gemütlich übernachten kann man im Vier-Sterne-Superior-Hotel Solaria, das über eine gute Küche verfügt. Eine Übernachtung im Doppelzimmer mit Halbpension kostet etwa ab 450 Euro. www.solaria.at. Der Tages-Silvretta-Skipass, der Zugang zu 76 Liftanlagen in Ischgl, Galtür, Kappl und See ermöglicht, kostet 79 Euro. Bisher erschienen: Die Weltrekordseilbahn auf die Zugspitze (15. Januar); die höchstgelegene Gipfelstation der Alpen am Klein Matterhorn (29. Januar); die drei kulinarischen Superlative Südtirols (12. Februar); die längste Abfahrt der Alpen in Les Deux Alpes (26. Februar); die Wiege des Wintertourismus: St. Moritz (12. März).