Als sie ihren Verlag gründete, 1976, da trug der zunächst den Namen des Mannes, der ihr dabei zur Seite stand, Peter Weismann, denn unter dieser Bezeichnung war der Namensgeber schon seit 1968 verlegerisch aktiv. Doch hinter einem Schrägstrich folgte eine Benennung, die die Neuerung signalisierte, die der etablierte Weismann-Verlag nun erfuhr: „Frauenbuchverlag“, allerdings anonym, sodass man meinen konnte, es wäre weiterhin allein Weismanns Projekt. Alle in der Branche wussten indes, wer wirklich dahinterstand. Doch bis diese Person auch im Vordergrund der Firma auftauchte, dauerte es bis 1990. Da hatte sie den Verlag nach Weismanns Abwanderung ins Theaterfach mittlerweile bereits sechs Jahre lang in Alleinregie geführt. Seitdem ist es der bekannteste und wohl auch erfolgreichste von einer Frau gegründete deutschsprachige Verlag geblieben: Antje Kunstmann heißt er, und so hieß sie. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Antje Kunstmann am vergangenen Mittwoch in München gestorben, im Alter von 77 Jahren nach schwerer Krankheit, von der aber nur ihr Umfeld wusste. Die letzten Begegnungen und der Nachrichtenaustausch mit ihr waren wie immer gewesen: engagiert, durchaus auch enragiert angesichts der Branchensituation, die für unabhängige Verlage immer schwieriger geworden ist. Kunstmann, der Verlag, war ein Gigant unter den Kleinen, gar nicht einmal eines gigantischen Umsatzes wegen, aber durch die Persönlichkeit von Kunstmann, der Verlegerin. Ihre Stimme fand Gehör – nicht zuletzt, weil ihre Bücher ein Publikum fanden. Antje Kunstmann hatte ein Gespür für Autoren und für Themen. Und sie glaube an die eigenen Leidenschaften. Auch nach dem Rückzug blieb sie die Seele des Verlags Eine davon war die komische Kunst, und so etablierte sie vor mehr als anderthalb Jahrzehnten eine eigene zwanzigteilige Buchreihe, die deren Meisterzeichnern gewidmet war, alphabetisch von Beck bis Waechter, und wenn sie neben dem überschaubaren finanziellen Erfolg des Projekts etwas daran bedauerte, dann, dass mit Barbara Henniger und Marie Marcks nur zwei Frauen vertreten waren. Die erste Buchreihe, die Antje Kunstmann herausgegeben hatte, trug ja den Titel „Materialien zur Frauenemanzipation“. Den Durchbruch brachte allerdings ein Mann im Verlagsprogramm: Axel Hacke, bekannt als Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“, brachte 1991 sein erstes Buch bei Kunstmann heraus, dem rund zwei Dutzend weitere Erfolgstitel folgten, ehe Hacke nach mehr als 30 Jahren zu einem größeren Verlag wechselte. Da war Antje Kunstmann pro forma längst schon nicht mehr Verlegerin, denn 2016 hatte sie die Geschäftsführung an ihren Sohn übergeben, der als 1978 Geborener mit den verlegerischen Aktivitäten seiner Mutter aufgewachsen war. De facto hat sie das eigene Haus aber nie verlassen, und wenn es um besondere Projekte ging, kümmerte sie sich federführend um deren Planung und Durchführung. Davon profitierten alle: der Verlag Antje Kunstmann, weil sie ihre jahrzehntelang gepflegten, nicht selten aus gegenseitiger linksliberaler Sympathie gespeisten internationalen Kontakte weiter spielen ließ (etwa zu Noam Chomsky, Gabriele Goettle, Véronique Olmi, Tim Parks oder Yanis Varoufakis), und die ehemalige Verlegerin Antje Kunstmann, weil sie die daraus resultierenden Freundschaften pflegen konnte. In der Kurt-Wolff-Stiftung, der Interessenvertretung unabhängiger Verlage, war ihre Stimme von Gewicht, in München galt sie als grande dame des dortigen Verlagswesens, was in mehreren Auszeichnungen resultierte, zuletzt 2028 dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt. Zur Verlegerin des Jahres für den ganzen deutschsprachigen Bereich war sie schon 2006 gewählt worden, 2022 bekam sie selbst endlich den Kurt-Wolff-Preis, den sie vorher so vielen Kollegen mit zugesprochen hatte. Wer Antje Kunstmann begegnete, lernte eine rare Kombination aus Zugewandtheit und Geschäftsgeschick, Literaturliebe und Kostenkalkül kennen. Vor allem aber eine Verlegerin, die mit ihrem Programm im Reinen war. Ihr publizistisches Erbe mag bewahrt werden können, das persönliche ist unersetzlich.
