FAZ 18.09.2026
08:34 Uhr

Ansturm auf Ceuta: Schulkinder werden mit Maschinengewehren beschützt


Viele Migranten in Ceuta haben auch nach sechs Wochen keine richtige Unterkunft und irren hungrig durch die Straßen. Die Einwohner haben Angst – und fühlen sich alleingelassen.

Ansturm auf Ceuta: Schulkinder werden mit Maschinengewehren beschützt

Das Erste, was die Kinder vor der Grundschule sehen, ist ein Maschinengewehr. Soldaten in Flecktarn und mit Schutzwesten bewachen zwei Eingänge der Juan-Carlos-Grundschule in Ceuta. Ein dritter Eingang ist von innen zugemauert. Denn dort, wo die Schulkinder im Alter von drei bis zwölf Jahren jetzt in den ersten Schultagen nach den Sommerferien zu den Klassenzimmern laufen, haben in der vergangenen Woche noch Migranten geschlafen. Nach ihrer Ankunft in der spanischen Exklave in Nordafrika Ende Juli haben sie die Stahlschlösser verbogen und so lange auf die Türen eingetreten, bis sie aufbrachen. Der Alarm wurde ausgelöst, aber die Polizei konnte nichts machen. Die Beamten waren mit den ankommenden Migranten komplett ausgelastet. Die Bilder von der Grenze zwischen Spanien und Marokko gingen um die Welt: Mehr als 80.000 Menschen stürmten am 30. und 31. Juli die Barrikaden. Sie schwammen um den Grenzzaun, stiegen Steine am Strand hoch, rannten über Absperrungen, kletterten über Mauern. „Ein Angriff“, nannte es der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez. „Eine Invasion“, nennen Tausende Demonstranten und Einwohner von Ceuta den Ansturm. Etwa 100 Menschen sind in den Tagen bei dem Versuch, Spanien zu erreichen, ums Leben gekommen. International ist die Aufmerksamkeit abgeebbt, ein Großteil der Migranten ist freiwillig zurück nach Marokko gegangen, einige wurden laut Medienberichten von den spanischen Behörden dorthin rückgeführt. Doch von einer Rückkehr zur Normalität in Ceuta kann keine Rede sein. Wie viele Migranten geblieben sind, kann selbst die Regierung nicht genau sagen, so unübersichtlich ist die Lage. Die Schätzungen gehen von 5000 bis zu 20.000. Sie teilen sich auch sechs Wochen nach ihrer Ankunft noch die Stadt mit den 85.000 Einwohnern des dichtbesiedelten Gebiets, das flächenmäßig kleiner ist als der Frankfurter Flughafen. Zumindest um die Grenze herum ist es ruhig geworden. Personen stehen an der Bushaltestelle, die nur wenige Meter vom Grenzübergang entfernt ist. Die Morgensonne ist gerade aufgegangen, Absperrbänder am Platz vor den Eisentoren zum Grenzübergang wehen im Wind. Eine Handvoll Afrikaner steht dort geordnet und wartet auf Grenzbeamte. Auch die neuen Bojen, die den Weg übers Wasser nach Spanien erschweren sollen, fallen nicht auf. Es wirkt so, als seien sie schon immer dort gewesen, obwohl sie als Maßnahme aus Madrid nach dem Ansturm erst ausgelegt wurden. Doch an der Juan-Carlos-Grundschule, zwischen Grenzübergang und Stadtzentrum, ist kaum etwas so, wie es noch vor den Sommerferien war. Viele Migranten wissen nicht, wo sie schlafen sollen Eltern begleiten ihre Kinder am Morgen bis zum Schultor. Die Sonne strahlt auf die Betonmauern und den Asphalt. Es ist Mitte September, die erste Schulwoche nach der langen Sommerpause hat begonnen. Die Familien verabschieden sich zwischen Soldaten und Sicherheitsleuten. Ein Kuss, eine Umarmung. Ein Vater macht ein Foto, während seine Tochter an der einen Hand ihren fliederfarbenen Rucksack wegrollt und an der anderen ihren kleinen Bruder mitzieht. Der Blick des Jungen bleibt auf seinen Vater fixiert. „Er geht zum ersten Mal in die Schule“, sagt dieser stolz. Er bleibt stehen, bis seine Kinder endgültig hinter den bunten Säulen im Schulgebäude verschwunden sind. Rund um das Schulgelände, das am vorwiegend muslimisch geprägten Rand Ceutas liegt, sind mehrere Migrantenlager aufgebaut. Teils vom Staat, teils von den Migranten selbst. Die für sie vorgesehenen Anlaufstellen waren schon vor ihrer Ankunft Ende Juli völlig überlaufen. Sie wussten nicht, wohin sie gehen oder wo sie schlafen sollen. Also suchten sich die Migranten selbst Unterschlupf. Zum Beispiel im Aufgang der Juan-Carlos-Grundschule. Dort schliefen während der Sommerferien etwa ein Dutzend Migranten, nachdem sie über die Mauer geklettert waren. Andere legten sich in ein Klassenzimmer, in das sie durch die aufgebrochene Tür gelangten. Nachdem der Alarm ausgelöst wurde, informierte das Sicherheitsunternehmen die Direktorin der Schule, die Direktorin informierte den Lehrer David Navas, gemeinsam informierten sie die Polizei. Lehrer und Eltern beschützten die Schule Die Polizei habe ihnen jedoch mitgeteilt, dass sie nichts tun könne, sie sei ausgelastet gewesen, erzählt Navas. Er sitzt in seinem Büro neben dem Eingang der Schule und liest ruhig aus Notizen vor. Er hat sich aufgeschrieben, was in den Sommerferien geschehen ist. Vor allem der Englischlehrerin, die neben ihm sitzt, sieht man ihre Fassungslosigkeit über das, was ihr Kollege schildert, immer wieder an. Navas blieb zuerst nichts anderes übrig, als über die Sicherheitskamera dabei zuzuschauen, wie das Schulgelände teilweise verwüstet wurde. Also beschloss er, mit seiner kolumbianischen Frau Tatiana zur Schule zu gehen. Auch sie hat davon berichtet und halb im Scherz gesagt, anders als die Bürger im EU-Land Spanien sei sie Chaos aus ihrem Heimatland gewohnt. Und auch, dass nicht der Staat, sondern man selbst Ordnung schaffe. David Navas erzählt, dass die Polizei ihnen lediglich gesagt habe, dass sie wegrennen sollten, wenn die Eindringlinge aggressiv würden. Hilfe angeboten hätten die Beamten nicht. Der Lehrer erinnert sich, wie die Migranten den Schulhof nach seiner und Tatianas Ankunft direkt verlassen haben. Aus den Klassenräumen seien sie fluchtartig weggerannt. Navas schloss die Schule wieder ab, doch nachts kamen die Migranten immer wieder. Am nächsten Tag warf er sie wieder heraus. „Das ging jeden Tag so“, erzählt er. Immer wieder von vorne. Auch Eltern von Schulkindern seien irgendwann gekommen, um die Schule zu verteidigen, erzählt der Lehrer. Die allermeisten der 237 Schüler sind Muslime, ein paar sind Christen. Mittlerweile hat die Schule einen „roten Kontakt“ zum Militär, sagt Navas. In Notfällen sollen sie nicht Polizisten rufen, sondern direkt Soldaten. „Der Geruch geht nicht mehr weg“ Doch die Eindringlinge haben ihre Spuren hinterlassen. Plastikflaschen und Tüten lagen auf dem Pausenhof, altes Brot auf den Treppen, Decken in den Ecken. Und in Nischen waren überall Fäkalien. All das haben sie vor Schulbeginn weggeräumt, aufgewischt und desinfiziert. „Der Geruch geht nicht mehr weg“, sagt Navas’ Kollegin, die Englischlehrerin, und zeigt auf einen abgesperrten Bereich. Ein Stockwerk weiter oben steht Izra vor der Tafel, ihre Lesebrille bedeckt ihr halbes Gesicht. „Ich habe Angst, dass nichts mehr ist, wie davor“, erzählt die zehn Jahre alte Schülerin. Ihr Lehrer hat der Klasse aufgetragen, aufzuschreiben, wie sie sich nach dem Massenansturm fühlen. „Angst“ ist das Wort, das dabei am meisten verwendet wurde. Izra hat sich freiwillig gemeldet, um aus ihrem Aufsatz zu erzählen. Ein paar Migranten seien in ihr Haus gekommen, sagt sie. Während des Ansturms war sie in Marokko, wie viele in Ceuta reist sie regelmäßig mit ihrer Familie dorthin. Doch ihr Vater sei in der Stadt geblieben. Um ihn habe sie sich große Sorgen gemacht, als sie die Bilder im Fernsehen sah. „Ich freue mich aber auch, weil Ceuta jetzt berühmt ist“, sagt Izra. Im Zentrum der Stadt ist weitgehend die Normalität zurückgekehrt. An die zahlreichen Militärfahrzeuge und Soldaten sind die meisten Bürger gewöhnt: In Ceuta ist eine große militärische Kommandobehörde des spanischen Heeres mit zahlreichen Kasernenanlagen. Wer will, kann in der Nähe des Hafens auf den gefüllten Terrassen traditionelle „Pinchitos“ essen – Fleischspieße, die die andalusische mit der marokkanischen Küche kombinieren – und nichts von der Situation an den Randgebieten mitbekommen. Auch die zahlreichen spanischen Flaggen hängen nicht erst seit Ende Juli an Balkonen oder Bootsmasten. Der marokkanische König Mohammed VI. beansprucht schon länger die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla als Territorium des Königreichs – und die Ceutiner stellen sich symbolisch dagegen. Doch der Ansturm aus Marokko Ende Juli war für die Bevölkerung eine neue Eskalation. Das Gefühl des Kontrollverlusts ist geblieben. Zehn Toiletten für 10.000 Migranten Das ist auch der Grund, warum einige Ceutiner, die es sich leisten können, die Stadt verlassen haben. In der ersten Häuserreihe vor dem Playa Del Trampolín sind alle Rollläden heruntergelassen. Es sei eine der wohlhabenden Gegenden in Ceuta, erklärt ein Taxifahrer. Wo sich Einwohner und Besucher im Sommer normalerweise an den Strand legen, haben Migranten jetzt eine Zeltstadt errichtet. Über Hunderte Meter hinweg erstrecken sich selbst zusammengebaute Hütten aus bunten Decken, Stäben, Palmenblättern und Pappkartons. Mit Sand gefüllte Plastikflaschen markieren neben der Straße ein großes Rechteck, in dem gebetet werden kann. Am Morgen breiten Männer auf Decken Gegenstände aus, die sie verkaufen können. Andere laufen bis zum Ende des Strands, um sich unter den wenigen Duschvorrichtungen zu waschen. Dort bilden sich schon lange Schlangen vor den zehn Toiletten, die von der Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Auch weit davor riecht es nach Urin. An Sträuchern und Mauern sammelt sich Müll, der den scharfen Geruch verstärkt. NGOs wie Einwohner gehen davon aus, dass an dem Strand insgesamt 10.000 Migranten wohnen. Das Rote Kreuz bringt ihnen einmal am Tag Essen vorbei, Helfer beschreiben, wie chaotisch die Lage werden kann. Migranten, die sonst in anderen Bezirken hungrig durch Straßen irren, an Hauswänden schlafen, sich in Wäldern auf Hügeln verstecken, kommen dann zum Playa Del Trampolín. In der Ferne ist der Felsen von Gibraltar zu sehen, der auf der anderen Seite der Meerenge auf dem europäischen Festland durch den Nebel bricht. Dazwischen liegen einige Frachtschiffe auf der Handelsstraße und warten darauf, einen der Häfen anzulaufen. Für die Migranten in Ceuta wirkt Europa am Playa Del Trampolín greifbar nah. Doch ohne Erlaubnis dürfen sie die Exklave nicht verlassen. Ceuta gehört zu Spanien, aber nicht zum Schengenraum. Bevor und nachdem man auf die Fähre steigt, muss man durch die Passkontrolle. Für die Weiterreise müssen die Migranten also in Ceuta Asyl beantragen, doch außerhalb der überlaufenen Lager können sie den Prozess nicht beginnen. Deshalb springen einige ins Wasser, um dem afrikanischen Kontinent zu entkommen, und versuchen, die iberische Halbinsel schwimmend zu erreichen. Viele sterben dabei. In sozialen Medien hieß es, die spanische Grenze sei offen Sohayla will in Ceuta warten, bis sie einen Platz im Lager bekommt. Eine Straße führt von der Playa Del Trampolín einen Hügel hinauf. Hier liegt CETI, das einzige offizielle Aufnahmelager für Migranten in der Stadt. Insgesamt sind 500 Plätze für sie in Ceuta vorgesehen, seit Monaten leben in dem Lager bereits bis zu 800 Personen. Sohayla schläft vor dem Eingangstor. Die 34 Jahre alte Frau aus Tétouan im Norden Marokkos ist am 30. Juli fünf Stunden mit dem Auto an die Grenze zu Spanien gefahren und dann 30 Minuten lang geschwommen, um Ceuta zu erreichen. In sozialen Medien habe sie gelesen, dass die Grenze offen sei. Bekannte hätten das bestätigt, sagt Sohayla. In Marokko gebe es keine Zukunft für sie, als Kinderbetreuerin habe sie kaum Geld verdient, in Europa will sie ein neues Leben beginnen. Dafür nimmt Sohayla viel in Kauf. Seit sechs Wochen schläft die zierliche Frau mit einer anderen Familie, die sie auf der Flucht kennengelernt hat, in einem Zelt in dem kleinen Waldstück vor dem Flüchtlingslager. In einem langen Nachthemd und in Flipflops steht sie davor, ihre Haare sind zu einem Zopf geflochten, ihre Augen hinter blau getönten Brillengläsern versteckt. Nachts würden Männer kommen, trinken und brüllen, erzählt sie. Die spanischen Soldaten bewachten das Lager nur tagsüber. Dann zeigt Sohayla auf eine große türkisfarbene Plastikplane, die neben ihrem Zelt zwischen zwei Bäumen befestigt wurde. Dahinter liege ein Mädchen, das neulich vergewaltigt worden sei. Andere Frauen sagen, Schlangen kämen in ihre Zelte. Eine von ihnen zieht ihr Kleid hoch und zeigt kleine Bisse am Bein. Und trotzdem wollen sie die Zeit in Ceuta aussitzen. Firdaws, der sich mit Sohayla das Zelt teilt, fehlen die Vorderzähne, er hat tiefe Augenringe. Er sitzt vor dem Zelt und beobachtet genau, was davor passiert. Dann öffnet er die Plane und zeigt auf seinen vier Jahre alten Sohn Alcalil. Er brauche eine bessere Zukunft, sagt Firdaws. Alcalil liegt regungslos zwischen Tüten und altem Essen auf bunten Decken im Zelt. Seit Tagen sei er krank, meint der Vater. Sein Sohn esse nicht mehr richtig. Er wisse nicht, wie er Hilfe für ihn bekommen könne. Firdaws Ehefrau kommen immer wieder die Tränen. Nach Marokko zurückgehen? Da sind sie sich einig: „Nein, nein, nein.“ „Das Volk rettet das Volk“ Doch genau das fordern aktuell viele in Ceuta. Die Einwohner sind frustriert, dass sich seit Wochen kaum etwas verändert. Regelmäßig ziehen deshalb Menschen in Protestzügen an den dicken Stadtmauern vorbei, die vor Hunderten Jahren vor Angriffen schützen sollten. Vor ein paar Wochen demonstrierten Zehntausende in ganz Spanien. Im Trikot der spanischen Fußballnationalmannschaft, rot-gelben Flaggen und dem Stadtwappen Ceutas laufen auch in der ersten Schulwoche im September Hunderte am Hafen entlang, wo ein neues Migrantenlager eröffnet werden soll. „Das Volk rettet das Volk“, steht auf einem großen Banner. Viele Ceutiner betonen, wie gut das Zusammenleben normalerweise in der Exklave funktioniere. Einige erzählen dann, dass Muslime, Christen, Juden und Hindus hier auf engstem Raum zusammenlebten. Von Rechtsextremen vereinnahmen lassen, wollen sie ihren Protest auch deshalb nicht. Videos zeigen, wie der spanische rechtsradikale Influencer und Politiker Alvise Pérez vor einigen Wochen von der Polizei eskortiert werden musste – weil zahlreiche Personen nicht gegen die Ankunft der Zehntausenden Migranten, sondern gegen seine Ankunft in Ceuta demonstrierten. Scharfmacher wie Pérez machen sie auch dafür verantwortlich, dass Migrantenzelte angezündet wurden. Und dass einheimische Muslime von Angriffen in der Fußgängerzone Ceutas berichten. Doch das jüngste Ausmaß der Migration geht auch den Anwohnern zu weit. Sie fordern schnelle Rückführungen nach Marokko. Zudem soll die Zentralregierung in Madrid der kleinen Exklave mehr bei der Lastenverteilung helfen. Sie fordern aber auch, dass die Migranten richtig untergebracht werden und dass sie genug Essen bekommen, damit die Sicherheitsleute, die vor jedem Supermarkt stehen, nicht mehr die Lebensmittel schützen müssen. Das schwarze T-Shirt von Juan-Louis verdeckt einen Teil seiner Tattoos auf seinen Oberarmen. Angst habe er keine, sagt der Neunundzwanzigjährige mit stählernem Blick. Zumindest nicht um sich selbst. Dennoch sorge er sich, „wegen der Situation für meine Freundin, für meine Schwiegermutter, für meine Mutter, für meine Schwester“. Sie trauten sich nicht mehr alleine aus dem Haus. Jeden Tag fahre er seine Freundin zur Arbeit. Am Anfang habe er Mitleid mit den Migranten gehabt, sagt Juan-Louis. „Menschen sahen zerstört aus, komplett überfordert.“ Er habe nicht gewusst, wie er sich verhalten solle. Doch mittlerweile spüre er vor allem etwas anderes: Wut. „Ich sehe keine Unschuld oder Verletzlichkeit mehr, ich sehe Personen, die schlechte Dinge tun wollen“, meint Juan-Louis. „Wir Bürger zahlen den Preis.“ Er wolle nicht seine Stadt verlieren. Doch dass die Regierung sie verteidigt, das glaubt er mittlerweile nicht mehr.