FAZ 01.06.2026
10:30 Uhr

Anstehender Börsengang: So verändern Musk und SpaceX die Welt der ETF


Elon Musk bringt sein Unternehmen SpaceX an die Börse. Das setzt andere Konzerne unter Druck. Und hat auch Folgen für ETF.

Anstehender Börsengang: So verändern Musk und SpaceX die Welt der ETF

Selbst an der Nasdaq müssen sie irgendwann Angst bekommen haben vor dem eigenen Übermut. Die amerikanische Technologiebörse hatte zunächst alles getan, um den Börsengang des Jahres zu sich zu locken. Elon Musks Weltraumfirma SpaceX sollte auf jeden Fall dort den Weg an die Aktienmärkte finden, an der Nasdaq, und nicht etwa bei der Konkurrenz. Das hat geklappt. Voraussichtlich am 12. Juni soll die neue Aktie ihren ersten Handelstag erleben. Angesichts eines erwarteten Börsenwertes von fast zwei Billionen Dollar wird der erste Handelstag von SpaceX alle Blicke auf sich ziehen. Es handelt sich um den bislang größten Börsengang der Welt. Er verschiebt auch die Gewichte in einer Welt, die für Anleger in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist: die Geldanlage in Indexfonds, besser bekannt unter dem Kürzel ETF. Diese bilden die Wertentwicklung eines Börsenbarometers eins zu eins nach und haben in den vergangenen Jahren enorm an Popularität unter Anlegern gewonnen. Deswegen war es dem gewieften Geschäftsmann Musk wichtig, ETF-Anleger möglichst schnell zu Käufern seiner neuen Aktie zu machen. Während es bislang bis zu einem Jahr dauerte, ehe eine neue Aktie in den wichtigen Nasdaq-100-Index aufgenommen wurde, hat man Musk zuliebe kurzerhand die Fristen verkürzt. Jetzt ist die Aufnahme schon nach 15 Handelstagen möglich. Was nach einem technischen Vorgang klingt, gleicht in der ETF-Welt einem Erdbeben. Wegen der Größe von SpaceX dürfte die Operation die Aktienkurse durcheinanderwirbeln – und zwar auch die Kurse anderer großer Techunternehmen wie Amazon oder Microsoft. Denn Indexfonds investieren das Geld ihrer Anleger in alle Aktien des ihnen zugrundeliegenden Index entsprechend dem Gewicht der jeweiligen Aktie. Sie müssen also SpaceX-Anteile kaufen, sobald die Aktie in den Nasdaq 100 aufgenommen wird – und zugleich das Gewicht aller übrigen Aktien reduzieren, sie also verkaufen. Und SpaceX wird quasi aus dem Stand heraus einen prominenten Platz unter den hundert Unternehmen im Nasdaq-Index beanspruchen. Würde der erwartete Börsenwert des Unternehmens von bis zu zwei Billionen Dollar nun voll berücksichtigt, wäre SpaceX gleich eines der größten im Index. Vor ihm stünden dann nur noch berühmte Technologieaktien wie Nvidia, Apple, Microsoft und Amazon. Das Wort vom Erdbeben hätte auf eine solche Operation gut zugetroffen. So verändert SpaceX die ETF-Welt Wie zu hören ist, war der Nasdaq das Ganze am Ende selbst nicht mehr geheuer. Darum hat man sich in Gesprächen mit besorgten ETF-Anbietern darauf geeinigt, SpaceX nicht mit seinem vollen Gewicht in den Index einzubringen. Stattdessen soll nun die Höhe des Streubesitzes, multipliziert mit drei, zum Ausgangspunkt genommen werden. SpaceX lässt nur einen vergleichsweise geringen Anteil seiner Aktien frei an der Börse handeln. Elon Musk selbst hat sich die Kontrolle der meisten Anteile gesichert. Diese Begrenzung des Einflusses anderer Anleger findet in der Kalkulation der Börse nun stärker Berücksichtigung. Aber Erdstöße, um im Bild zu bleiben, sind immer noch zu erwarten. Ulrich Urbahn, Portfoliomanager beim Bankhaus Berenberg, hat für die F.A.S. errechnet, dass SpaceX zu Beginn auf einen Anteil von etwas weniger als einem Prozent am Nasdaq-100-Index kommen dürfte. Das klingt gering, hat aber trotzdem Folgen. Nimmt man allein das Geld, das in Nasdaq-100-ETF angelegt ist, müssen rund 4,75 Milliarden Dollar in SpaceX-Aktien umgeschichtet werden. Das wäre aber nur der Anfang: Denn es gibt auch zahlreiche andere Fonds, die die neue Aktie berücksichtigen müssen. Ein Beispiel sind Themen-ETF. Auch klassische Fondsmanager investieren häufig sehr indexnah. Fachmann Urbahn rechnet damit, dass noch einmal bis zu fünf Milliarden Dollar an weiteren Käufen am Tag der Indexaufnahme hinzukommen werden. So trifft eine Nachfrage in einem Volumen von bis zu zehn Milliarden Dollar auf eine neue Aktie mit geringem Streubesitz. „Das wird den SpaceX-Kurs nach oben bewegen, eine signifikante Kursbewegung ist praktisch garantiert“, sagt Urbahn. Für alle, die schon am Tag des Börsengangs die Aktie besitzen, ist das eine erste lukrative Verkaufsgelegenheit. Der Fachmann drückt es drastisch aus: „Es findet ein erzwungener Kapitaltransfer von Börsengang-Insidern zu ETF-Anlegern statt.“ Die Erfahrung zeige: Zumindest kurzzeitig fehlt es nach einem solchen Vorgang an weiteren Impulsen für den Aktienkurs. Die ETF-Anleger müssen also damit leben, dass ihnen SpaceX zu einem sehr hohen Preis ins Portfolio gebucht wird. MSCI wird jedenfalls ein paar Handelstage abwarten, dann aber auch Space X schneller als sonst üblich und womöglich nach dem IPO in seine wichtigsten Indizes wie den MSCI World aufnehmen. Von etwa zehn Tagen nach Börsengang ist die Rede. Was aber ist mit den anderen Aktien in den Indexfonds? Deren Kurse werden auf kurze Sicht leiden. Denn die Milliarden Dollar, die neu in SpaceX-Aktien fließen, müssen an anderer Stelle reduziert werden – und zwar entsprechend der neuen Gewichtung. Weil sich die Verringerung auf so viele Aktien verteilt, ist hier zwar nach Ansicht aller Fachleute nicht mit starken Kursrückgängen zu rechnen. Aber Urbahn sieht zumindest eine leichte „Verwässerung“. Damit ist gemeint: ETF-Anleger haben in Zukunft etwas weniger Aktien von Amazon & Co. im Portfolio, als sie eigentlich dachten. Und das alles nur, weil die Nasdaq Elon Musk partout gefallen wollte.