Anleiheanleger mögen ein Umfeld möglichst geringer Inflation. Wer heute 10.000 Euro verleiht, will schließlich am Ende nicht entwertetes Geld zurückbekommen. Anleiheanleger mögen zudem, wenn es ihren Schuldnern zumindest so gut geht, dass sie ohne jeden Zweifel in der Lage sind, Zins und Tilgung zu leisten. Der Angriff Israels und der USA auf Iran war deshalb ein Schock für die Anleihemärkte. Aus einem Umfeld mäßiger Inflation wurde plötzlich ein Szenario deutlich steigender Preise. Von 1,9 Prozent im Februar stieg die Inflationsrate im April auf 2,9 Prozent. Die Erfahrungen des Russlandangriffs auf die Ukraine lehren zudem, dass das teure Öl und Gas sich schrittweise in die Inflation hineinfrisst und mit allen Folgeeffekten mehrere Jahre die Preissteigerungsraten erhöht. USA stehen unter hohem Druck Was ist also von Anleihen zu halten, die gut zwei Prozent Rendite versprechen, während die Inflation höher liegt? Wenig. Das dachten sich auch die meisten Anleger. Deswegen stieg die Rendite der Bundesanleihen mit zwei Jahren Laufzeit seit Ende Februar von zwei auf 2,55 Prozent. Zwischenzeitlich waren es 2,75 Prozent. Steigende Renditen am Anleihemarkt sind stets ein Zeichen von Verkaufsdruck und entsprechend fallenden Kursen. Der große Schuldner USA büßte noch etwas stärker ein. Von knapp 3,4 auf gut vier Prozent stieg die Rendite. Eine schmerzliche Entwicklung in einem Wahljahr. Denn die teurere Finanzierung müssen die Steuerzahler aufbringen. Gleichzeitig orientieren sich viele Kreditzinsen an den Staatsanleihen und verteuern entsprechend die Finanzierung von Autos, Häusern und Kreditkartenschulden. Von einem Zinsschock war an den Märkten die Rede, da niemand so wirklich damit gerechnet hatte, dass der Irankrieg geführt wird, ohne einen Plan für das Szenario zu haben, dass der Gegner nicht binnen weniger Tage „erledigt“ wird, sondern wie in der Ukraine erbitterten Widerstand leistet. Im Falle Irans wurde auch noch aufgezeigt, welch scharfes Schwert Iran mit der Straße von Hormus gegen die Weltwirtschaft in der Hand hält. Die Vermutung gab es, aber den Beweis erbrachte erst der nun drei Monate alte Krieg. Notenbanken im Konflikt zwischen Inflation und Wachstumsschwäche Die Anleihefachleute des großen britischen Vermögensverwalters Aviva Investors gelangen zu der Einschätzung, dass der akute Schock an den Märkten nun vorüber sei und eine Phase der Neubewertung beginne. Zwei Risiken seien für die Anleger entscheidend: kurzfristig die Inflation und strukturell das Wachstum. Die höhere Inflation begrenze den Spielraum der Notenbanken, auf schwächere Wachstumsperspektiven zu reagieren. Höhere Zinsen durch die Notenbanken sehen die Briten nicht so klar, wie derzeit die Märkte sie einpreisen: Die Wachstumsbeeinträchtigungen würden unterschätzt. Gerade in Großbritannien seien wegen der schwachen Konjunktur zwei Zinserhöhungen dieses Jahr „überzogen“. Sorgenkind Großbritannien Großbritannien gilt mit einer Rendite von aktuell 4,8 Prozent für zehn Jahre als Sorgenkind. Immerhin wurde aus Sicht der Märkte die wichtige Marke von fünf Prozent wieder unterschritten, die als Warngrenze hin zu größeren Marktunruhen betrachtet wird. Gleichwohl musste unter den Industrieländern kein Schuldner zuletzt solche Renditeaufschläge hinnehmen wie Großbritannien. Selbst für Kredite von zwei Jahren Laufzeit sind derzeit 4,25 Prozent Zins fällig. Relativ ist nur der Anstieg in Japan höher. Die Japaner müssen, aus einer langen Zeit ohne Inflation mit Nullzinsen kommend, nun 2,68 Prozent für ihre Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zahlen, was angesichts des großen Schuldenbergs zu hohen Zinslasten führt. Angesichts der Wachstumssorgen favorisieren die Aviva-Fachleute die Anleihen solider Emittenten im Unternehmensbereich gegenüber den riskanteren High-Yield-Profilen. Gerade noch im Investment-Grade-Bereich ist ein im Mai emittiertes Papier der Buchungsplattform Booking.com. 5,375 Prozent Kupon bieten die Amerikaner je Jahr bis 2036 mit halbjährlichen Zinszahlungen. Die erste Zahlung erfolgt daher schon im November unter der in Stuttgart handelbaren WKN A4EUK6. Mit 4,65 Prozent einen etwas niedrigeren Kupon, allerdings bei einer drei Stufen besseren Moody’s-Bewertung bietet der Pharmakonzern Eli Lilly für sieben Jahre Laufzeit (WKN A4EUSD).
