FAZ 11.05.2026
12:05 Uhr

Angespannter Arbeitsmarkt: „Meine Erfahrung zählt anscheinend nichts mehr“


Ältere Arbeitslose haben es schwerer als jüngere, eine neue Stelle zu finden. Das liegt auch daran, dass Unternehmen ihnen weniger zutrauen. Für Betroffene kann der Bewerbungsmarathon zur Qual werden.

Angespannter Arbeitsmarkt: „Meine Erfahrung zählt anscheinend nichts mehr“

Mehr als 400 Bewerbungen, gut 30 Vorstellungsgespräche und 15 Einladungen zur zweiten Runde: Seit zweieinhalb Jahren ist Aysel Dolma auf der Suche nach einer neuen Stelle. Die Senior-Marketing- und Kommunikationsmanagerin bringt eigentlich alles mit, um Personalleiter glücklich zu machen. „Ich habe über 20 Jahre Berufserfahrung. Ich habe Marken aufgebaut und Wandel mitgestaltet“, sagt die Münchnerin mit Stolz. Trotzdem ist die 52 Jahre alte Dolma noch immer arbeitslos. Warum es nicht funktioniert? Sie hat eine Vermutung. „Ich glaube, dass ich den Unternehmen zu alt und zu teuer bin“, sagt sie. „Meine Erfahrung zählt anscheinend nichts mehr.“ Mehr als 17 Jahre hat sie zuletzt für eines der größten Marktforschungsunternehmen der Welt gearbeitet. „Ich war verantwortlich für das interne und externe Marketing. Ich habe Markenstrategien zur Positionierung im deutschen B2B-Markt entwickelt.“ Auch an Konzepten für die interne Kommunikation der mehr als 6000 Mitarbeiter rund um die Welt habe sie mitgewirkt. Social-Media-Management gehörte zu ihren Stärken, sagt sie, genauso wie die Koordination von „cross-funktionalen Teams“. „Ich war sogar Brand Ambassador für ganz Deutschland.“ „Die wenigen Jobs gehen an Jüngere“ Nicht nur ihre Berufserfahrung, auch der Rest ihres Lebenslaufs kann sich sehen lassen: Studium, internationale Projektarbeit, Weiterbildungen auf den Feldern Künstliche Intelligenz und Onlinemarketing. In ihrer Freizeit füllt sie ein Ehrenamt aus. Vor knapp drei Jahren kam es jedoch zum Bruch mit dem Unternehmen. „Ich war 50 und wollte eine neue Herausforderung.“ Gleichzeitig sei eine neue Chefin gekommen, mit der sie nicht „harmonierte“. Sie suchte sich eine neue Stelle bei einem Musikverlag. Doch schon nach fünf Monaten war damit Schluss: Ihre Mutter wurde krank, und Dolma musste sie in Vollzeit pflegen. Sie kündigte noch während der Probezeit. Seitdem ist sie arbeitslos. Es gebe haufenweise Kommunikationsmanager, sagt sie, „aber die wenigen Jobs, die es gibt, gehen an Jüngere“. Bekomme ich keine Arbeit, weil ich zu viel kann? Oder weil ich 52 Jahre alt bin? Das sind die Fragen, die sich seit Monaten in ihrem Kopf verhaken. Ihre Hoffnungen auf einen neuen Job: gering. Die Stimmung ist im Keller So wie Dolma geht es Zehntausenden anderen älteren Bewerbern in Deutschland. Wer sich mit Betroffenen unterhält, hört immer wieder das Gleiche: Die Jobsuche sei extrem zäh. Sie berichten von Unternehmen, die sie monatelang mit ihrer Entscheidung hinhalten. Ghosting gehöre zum Bewerberalltag, heißt es, also dass sich Unternehmen mitunter gar nicht bei Bewerbern melden. Wenn Arbeitsagenturen oder Jobcenter zur Sprache kommen, winken viele ab: Dort höre man nur, dass man überqualifiziert sei oder bei der Stellenauswahl flexibler werden müsse. Die Stimmung unter den älteren Bewerbern ist im Keller. Dazu haben sie ausreichend Grund, denn aktuell haben Arbeitslose so geringe Chancen auf eine Stelle wie nie. Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), sagte schon im Dezember, der Arbeitsmarkt sei „seit Monaten wie ein Brett“. Es komme „kein Schwung rein“. Wie dramatisch die Situation ist, erklärte die BA-Chefin anhand der Abgangsrate: Der Indikator beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der arbeitslose Menschen im Laufe eines Monats wieder einen Job finden. „Der Wert liegt meist um sieben, jetzt aber bei 5,7“, sagte Nahles. „So niedrig wie nie zuvor.“ Harter Wiedereinstieg Das war vor dreieinhalb Monaten. Inzwischen ist die allgemeine Abgangsrate noch mal etwas gesunken. Besonders dramatisch ist die Situation jedoch für die Arbeitssuchenden über 55: Ihre Abgangschance liegt mit 2,7 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt aller Altersgruppen. Derzeit sind knapp 761.000 Menschen über 55 arbeitslos gemeldet. Ihre Arbeitslosenquote lag im März bei 6,7 Prozent und damit 0,3 Prozentpunkte über der allgemeinen Quote. Viele der Arbeitslosen suchen nicht aktiv nach einem neuen Job, da sie beispielsweise kurz vor dem Eintritt in die Rente stehen und bis dahin ohne Arbeit bleiben. Für ihre Altersgenossen, die eine neue Stelle suchen, ist der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben dagegen hart – und deutlich schwieriger als für Jüngere. Das zeigt sich auch in der Länge der Arbeitslosigkeit: Im Februar waren Menschen über 55 Jahre, die wieder eine Arbeit aufnahmen, im Schnitt 28,4 Wochen arbeitslos. Die 25- bis 55-Jährigen brauchten hingegen 23 Wochen für die erfolgreiche Jobsuche, Arbeitslose unter 25 Jahren benötigten lediglich knapp 15 Wochen. Die älteren Arbeitslosen mussten also fast doppelt so lange nach einem Job suchen wie ihre Mitbewerber am anderen Ende des Altersspektrums – im Schnitt knapp 100 Tage mehr. Tage, die lang sein können. „Ich stehe um halb sieben morgens auf und setze mich an den Laptop“, sagt Aysel Dolma. Jobbörsen durchforsten, den Lebenslauf anpassen oder Bewerbungen versenden. „Ich fahre zu Vorstellungsgesprächen. Ich erstelle Fallstudien, und ich werde in die dritte Runde eingeladen. Nur um am Ende doch wieder eine Absage zu erhalten.“ Gehaltsvorstellungen gesenkt Unternehmen hätten Angst, ältere Arbeitskräfte einzustellen, ist Dolma überzeugt. „Sie wollen schon jemanden haben, der etwas vorweisen kann, aber die Person soll nicht viel kosten.“ Mehr als 55.000 Euro sei für eine Senior-Stelle nicht drin, habe ihr ein Personaler gesagt. Ihre Gehaltsvorstellung habe sie deshalb gesenkt. „Früher habe ich 75.000 Euro im Jahr verdient. Jetzt bin ich auf 60.000 runter.“ Unter Wert möchte sie sich nicht verkaufen. „Wozu habe ich studiert und so lange an meinem Profil gefeilt?“ Meist frage sie bei den Unternehmen nach, warum sie die Stelle nicht bekommen hat. „Natürlich sagt mir niemand, dass sie mich aufgrund meines Alters nicht genommen haben“, erzählt sie. „Sie sagen, dass sie sich aus Datenschutzgründen nicht äußern können oder dass andere Bewerber einfach besser waren.“ Dabei stehe sie jüngeren Bewerbern in nichts nach, weder bei der Belastbarkeit, der Lernbereitschaft noch bei der Digitalisierung. Doch dass es genau umgekehrt ist – dieses Vorurteil hafte älteren Bewerbern an und schrecke Unternehmen ab, sagt Philipp Lergetporer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität München (TUM) am Campus Heilbronn. „Ältere Arbeitnehmer gelten als weniger lernfähig und weniger ambitioniert, weil das Karriereende näher ist. Ihnen werden digitale Kompetenzen abgesprochen, die auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger werden.“ „Ältere Bewerber werden diskriminiert“ Tatsächlich wechseln Menschen über 55 Jahre seltener in die IKT-Branche als Jüngere. Das sind Berufe in der Informations- und Kommunikationstechnik, beispielsweise bei Hardwareproduzenten oder IT-Dienstleistern. Dass dort weniger ältere als jüngere Arbeitnehmer beschäftigt sind, hat laut Fachleuten wie Lergetporer mit den Vorurteilen gegenüber Älteren zu tun. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und untersucht, inwiefern Frauen, Migranten und ältere Menschen im Rahmen der Stellensuche benachteiligt werden. Sein Urteil ist eindeutig: „Ältere Bewerber werden in erheblichem Maße diskriminiert.“ Zu diesem Ergebnis haben sogenannte Korrespondenzstudien geführt. Dabei werden Bewerbungen von fiktiven Kandidaten an Unternehmen geschickt, die Arbeitsstellen zu vergeben haben. Die Profile der erfundenen Bewerber ähneln sich, unterscheiden sich jedoch in Bezug auf Herkunft, Geschlecht oder Alter. Anschließend untersuchen die Wissenschaftler, wie hoch die Einladungsquote zum Vorstellungsgespräch ist. „Es gibt eindeutige Belege dafür, dass ältere Arbeitnehmer bei der Jobsuche Nachteile haben.“ Im Unterschied zur Diskriminierung von Frauen oder Migranten komme bei älteren Bewerbern ein weiterer Aspekt hinzu: die Amortisationslogik. Unternehmerische Entscheidungsträger zögern zunehmend, in ältere Arbeitnehmer zu investieren, da das anfängliche „Investment“ weniger ins Unternehmen zurückfließt. Berufserfahrung werde anders bewertet Leidet also der deutsche Arbeitsmarkt unter Altersdiskriminierung? Nachfrage bei Matthias Kempf, Präsident des Bundesverbands der Personalmanager. Kempf hält die These, dass Berufserfahrung heute nichts mehr zählt, für verkürzt. „Berufserfahrung spielt weiterhin eine wichtige Rolle, wird heute jedoch anders bewertet als noch vor zehn Jahren. Entscheidend ist weniger die reine Anzahl der Jahre im Job, sondern vielmehr die Frage, was jemand aus dieser Zeit gemacht hat.“ Zudem hätten sich Rollenprofile in den vergangenen zehn Jahren stark verändert: Heute werde ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Technologien und digitalen Tools erwartet. „Das kann dazu führen, dass sich insbesondere ältere Generationen von entsprechenden Stellen weniger angesprochen fühlen oder ihnen diese Kompetenzen von vornherein nicht ausreichend zugetraut werden.“ Personaler müssten aber auch selbstkritisch sein, sagt Kempf. „In vielen Auswahlprozessen wirken nach wie vor implizite Vorannahmen. Gleichzeitig werden Lebensläufe ab 50 häufig als ‚zu linear‘ gelesen, anstatt die dahinterliegenden Kompetenzen in den Blick zu nehmen.“ In vielen Unternehmen mangele es an „echter Wertschätzung für Erfahrung“ sowie an einer langfristigen Personalplanung. Dabei würden gerade diese Kompetenzen dringend gebraucht. Es gebe viele Felder, auf denen Erfahrung gefragt sei Was also können ältere Bewerber tun, um eine Stelle zu bekommen? Gefragt seien Bewerber, die Erfahrung mit Veränderung, Transformation oder Führung verbinden, meint Kempf. Es gebe viele Berufsfelder, wie in der hochentwickelten Industrie oder im öffentlichen Sektor, in denen Erfahrung ausdrücklich gefragt sei. Zudem setzten viele Unternehmen bewusst auf gemischte Teams, weil sie wüssten, dass Erfahrung und frische Perspektiven zusammen stärker seien. Philipp Lergetporer von der TUM empfiehlt, in der Bewerbung oder im Vorstellungsgespräch aktiv gegen die verbreiteten Altersstereotype vorzugehen. „Man kann die Eigenschaften ansprechen, die älteren Bewerbern aberkannt werden. Sie sollten signalisieren, dass Sie lernfähig sind und an betrieblichen Weiterbildungen teilnehmen möchten.“ Nur: Wenn Personaler die Bewerbungen anhand des höheren Alters aussortieren, sei der Hinweis auf Lernfähigkeit wirkungslos. „Dann steht man vor vollendeten Markttatsachen“, so Lergetporer. Auf dieser Stelle sieht sich Aysel Dolma herumtreten. „Ich habe oft das Gefühl, dass mein Lebenslauf in den Auswahlprozessen nur gescannt wird. Aber der Mensch dahinter wird übersehen.“ Vor Kurzem hat sie eine weitere Absage bekommen – in Westfalen, weit weg von ihren Freunden in München. Die Hoffnung auf eine geeignete Stelle hat sie mittlerweile verloren. „Meine Lücke im Lebenslauf ist viel zu lang. Wenn das so weitergeht, sehe ich mich bei Rewe an der Kasse.“