Es ist die Nachricht, auf die viele in der Ukraine gewartet haben. Andrij Jermak, der ehemalige Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj steht offiziell wegen Geldwäsche unter Verdacht. In dem Fall geht es um den Bau einer luxuriösen Wohnanlage außerhalb Kiews, wie die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung (SAPO) am Montagabend mitteilte. Zuvor hatte es Durchsuchungen bei Jermak gegeben. SAPO und das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) werfen einer „organisierten Gruppe“ vor, dass sie über mehrere Jahre hinweg mehr als 460 Millionen Hrywnja (8,9 Millionen Euro) über ein Netzwerk von Briefkastenfirmen, Bartransaktionen und gefälschten Finanzdokumenten durch das Bauprojekt geschleust wurden. Jermak: Besitze kein Haus Laut den Strafverfolgungsbehörden soll die Gruppe geplant haben, vier private Villen mit jeweils rund 1.000 Quadratmetern sowie einen gemeinsamen Wellnesskomplex inklusive Spa und Swimmingpool zu errichten. Die geschätzten Kosten für jede Villa beliefen sich auf mehrere Millionen Dollar. Die Wohnanlage sollte den Namen „Dynastie“ erhalten. Jermak bestreitet die Vorwürfe. Vor Journalisten wollte er sich zunächst nicht äußern, antwortete jedoch auf Nachfrage: „Ich besitze kein einziges Haus, ich habe nur eine Wohnung und ein Auto.“ Aus dem Präsidialamt hieß es am Montag: „Die Ermittlungen laufen noch, daher ist es zu früh für irgendwelche Einschätzungen.“ Die Ermittlungen gegen Jermak sind Teil der „Operation Midas“, einer großangelegten, mehr als ein Jahr andauernden Untersuchung von NABU und SAP. Im November hatten die Behörden begonnen, Aufnahmen von Abhöraktionen zu veröffentlichen. Ging es zunächst um die Unterschlagung von 100 Milliarden Euro beim staatlichen Atomkraftwerksbetreiber Energoatom, erstreckt sich der Korruptionsskandal mittlerweile auch auf andere Bereiche. Zuletzt ging es auch um die Rüstungsindustrie und das Unternehmen Fire Point. Korruptionsskandal zieht immer größere Kreise Im Zentrum des Skandals steht neben Jermak Timur Minditsch, ein langjähriger Vertrauter Selenskyjs. Beide sind die mutmaßlichen Köpfe der Organisation. Minditsch hat sich nach Israel abgesetzt, um den Ermittlern zu entkommen. Nach und nach wuchs im Herbst auch der Druck auf den Präsidenten und seinen mächtigen Büroleiter. Lange hielt Selenskyj an ihm fest. Doch als schließlich Ende November die Antikorruptionsbehörden Jermaks Wohnung im Kiewer Regierungsviertel durchsuchten, musste der Präsident seine rechte Hand entlassen. Der Korruptionsskandal um Energoatom empörte damals viele Ukrainer, zumal es dabei auch um den Bau von Schutzanlagen für Kraftwerke ging, die immer wieder von Russland beschossen werden. Neun Verdächtige wurden im Energoatom-Fall bereits angeklagt, darunter Minditsch, der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Oleksij Tschernyschow sowie der frühere Energie- und Justizminister Herman Haluschtschenko. Medienberichten zufolge soll Tschernyschow (Deckname „Che Guevara“) aus dem Korruptionsnetzwerk rund um Energoatom Geld erhalten haben, um die Luxusvillen nahe Kiew zu bauen. Eine davon soll demnach für Jermak bestimmt gewesen sein. Der frühere Medienanwalt und Produzent kennt Selenskyj aus dessen Zeit beim Fernsehen. Er stammt wie Minditsch aus dem Umfeld der einst von Selenskyj gegründeten Produktionsfirma Kwartal 95. Im Ferbuar 2020 machte der Präsident ihn zu seinem Büroleiter. Aktivisten und Oppositionelle warfen ihm Machtmissbrauch vor. Sie kritisierten, dass er rigoros gegen Selenskyjs Gegner vorgehe. Jermak soll auch die treibende Kraft hinter einem Gesetz gewesen sein, mit dem im vergangenen Sommer die Unabhängigkeit von NABU und SAP eingeschränkt werden sollte. Erst als es zu landesweiten Protesten kam, wurde der Schritt rückgängig gemacht.
