Die Überraschung des Jahres bei der Frankfurter Eintracht heißt Aurèle Amenda. Anderthalb Jahre lang spielte der 22 Jahre alte Innenverteidiger aus der Schweiz eine Nebenrolle – als potentieller Ersatzmann für Robin Koch oder Arthur Theate oder Nnamdi Collins oder Rasmus Kristensen. Wobei seine Einsatzzeiten überschaubar blieben. In den vergangenen acht Bundesligaspielen stand Amenda siebenmal in der Startelf und spielte jedes Mal durch. Dass die Eintracht in dieser Zeit ihren zwischenzeitlichen Durchschnitt an Gegentoren deutlich absenkte, ist nicht allein das Verdienst des Eidgenossen, aber er leistete dazu einen signifikanten Beitrag. Für Markus Krösche kamen die Leistungen Amendas alles andere als überraschend. Als ihn der Abwehrspieler im Winter fragte, ob er die Eintracht verlassen könne, um woanders durch mehr Spielpraxis seine Chancen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Sommer mit der Schweizer Nationalmannschaft zu erhöhen, sperrte sich der Eintracht-Sportvorstand. Amenda solle an seine Chance in Frankfurt glauben, und er sei nach wie vor von ihm überzeugt. Wie groß Krösches Vertrauen gewesen ist, wird durch die Ablösesumme von zehn Millionen Euro (plus bis zu fünf Millionen Euro Boni) dokumentiert, die er an Young Boys Bern überweisen ließ, und durch die Vertragsdauer von fünf Jahren für Amenda. Reservist unter Dino Toppmöller Der 1,97 Meter große Hüne galt damals als eines der größten europäischen Verteidigertalente des Jahrgangs 2003, war mit Young Boys Bern schon zweimal Schweizer Meister geworden, hatte zwei Einsätze in der Champions League absolviert und trug die Kapitänsbinde der Schweizer Junioren-Nationalmannschaft. Die eindrucksvollen Vorleistungen bewahrten ihn in Frankfurt nicht vor dem Reservistendasein unter Trainer Dino Toppmöller. Zurückgeworfen durch zwei längere Verletzungen, schaffte es der Schweizer nie, in einen Spielrhythmus zu kommen, weil Toppmöller den erfahrenen Abwehrrecken mehr vertraute als dem Nachwuchsmann. Zumal dem Aushilfs-Verteidiger bei seinen wenigen Einsätzen ein paar grobe Schnitzer unterliefen. Dank an Markus Krösche Amenda machte Toppmöller am Donnerstag in einer Medienrunde nicht den Hauch eines Vorwurfs, sondern betonte das gute Verhältnis mit dem Trainer und die Wohlfühlatmosphäre in Frankfurt. „Eigentlich wollte ich den Verein nie verlassen, aber ich bin 22 und möchte spielen“, begründete Amenda seine Wechselanfrage in der Weihnachtszeit. Dass er sich von Krösche überzeugen ließ, zu bleiben, bezeichnete der Profi als „großes Glück. Ich bin Markus Krösche sehr dankbar.“ Vielleicht wäre er Krösche weniger dankbar, wenn sich nicht Verteidigerkollege Theate schwer verletzt hätte, der bis dahin seinen Platz in der Abwehrkette blockiert hatte. Und es half Amenda sicher auch, dass der Eintracht-Cheftrainer nun Albert Riera heißt. Unter dem Interimsgespann Dennis Schmitt und Alexander Meier verlor die Eintracht auch mit Amenda zweimal mit drei Gegentoren. Unter Riera mussten die Frankfurter mit dem Schweizer in der Startelf in fünf Begegnungen nur drei Gegentreffer hinnehmen, alle beim 2:3 gegen Bayern München. An diesem Sonntag kommt es nun zum Rhein-Main-Duell in Mainz (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN). Mit der Spielpraxis kam das Selbstvertrauen zurück „Wir verteidigen jetzt mehr Mann gegen Mann, weniger in Zonen. Jeder ist für einen Gegenspieler zuständig, an dem bleiben wir dran, auch wenn er vom Flügel in die Mitte zieht oder vom Zentrum nach außen.“ Das macht es einfacher. „Wir wissen, woran wir sind, und sind dadurch stabiler.“ Er habe sich vor allem in einer Hinsicht verbessert: „Im Mentalen. Ich vertraue mir jetzt wieder mehr selbst. Es ist schwer, selbstbewusst zu bleiben, wenn man sich nicht zeigen kann.“ Nun habe er seine Selbstgewissheit mit jeder Minute Spielpraxis mehr zurückgewonnen. Selbstvertrauen hat Amenda schon als 20-Jährigen in Bern ausgezeichnet. Er sah sich nicht nur in den Juniorenteams, sondern auch als Neuling in der ersten Mannschaft als einen Spieler mit Führungsanspruch, der sich nicht nur über die eigene Leistung definiert. „Ich will auch immer den anderen helfen.“ Mit diesem Satz erklärt er auch, dass er gegen St. Pauli mit 168 Ballkontakten einen neuen Rekord für die Eintracht aufstellte. „Ich will immer den Ball haben und für die Mitspieler anspielbereit sein.“ Amenda hat den Ansatz von Trainer Riera verinnerlicht. Nicht der Spieler, der den Fehlpass spielt, ist schuld am Ballverlust, sondern dessen Kollegen, die ihm keine Abspieloption geboten haben. Aurèles Einstellung wurde von seinem Vater Christian geprägt, der in Biel, der Heimatstadt der Amendas, immer noch als Jugendtrainer wirkt. „Er sagte mir sehr oft, mit Talent allein kommst du nicht weiter. Du musst mehr machen, immer mehr, jeden Tag.“ Diese Aufforderung brachte Aurèle schon in jungen Jahren in Kontakt mit dem Buch „Mamba Mentality“ des bei einem Helikopterabsturz verunglückten Basketball-Weltstars Kobe Bryant. Das amerikanische Sportidol beschrieb darin seinen Weg zum Erfolg – getragen vom Anspruch, jeden einzelnen Tag in seinem Leben besser zu werden. „Daran glaube ich. Ich bin immer der Letzte, der den Trainingsraum verlässt. Meine Mitspieler nennen mich schon Mamba.“ Obwohl er ihn nicht zum Stammspieler machte, lobte Toppmöller Amenda für „sein brutales Mindset“. Über die schwere Zeit halfen ihm neben der Mamba Mentality seine Familie, die aus Kamerun stammt, und Mannschaftskollege Timmy Chandler hinweg. „Sie haben mich immer unterstützt und gepusht.“ Im Moment stellt sich die Zukunft für ihn rosarot dar. Amenda wurde in die Schweizer Nationalmannschaft berufen, mit der er in der nächsten Woche gegen Deutschland auch auf seinen Frankfurter Teamkollegen Nathaniel Brown treffen wird. Sein Traum, bei der WM dabei zu sein, scheint greifbar nahe. Die Frage wird jedoch sein, wie Trainer Riera reagiert, wenn Theate (und auch Kristensen) demnächst in die Mannschaft zurückkehren. Eine Frage, die Amenda allerdings nicht beunruhigt. Das Bewusstsein, jeden Tag alles zu geben, verleiht ihm eine Sicherheit und Ausgeglichenheit, die neben seinem Talent eine feste Grundlage für eine erfolgreiche Laufbahn bilden.
