Die Titanic zum Wahrzeichen einer Stadt zu machen, wirkt kühn. Aber Belfast hat es gewagt: mit einem bombastischen Titanic-Museum an der Stelle, wo das weltbekannte Schiff von 1909 an gebaut wurde und 1912 auslief zu seiner Untergangsfahrt. Aber auch an anderen Stellen in der nordirischen Stadt bekommt man das Gefühl, in „Titanic City“ zu sein. Die mächtigen Kräne der Werft Harland & Wolff, in der die Schiffe der legendären „White Star Line“ gebaut wurden, sind fast überall im Hintergrund zu sehen. Dass auch die Geschichte der Werft eine des Niedergangs ist, kann die Erschließung des neuen „Titanic Quarters“ nicht aufhalten. Infotafeln künden von der Umwidmung oder Rückentwicklung des in Viktorianischer Zeit so getauften „Queen’s Island“ von einer teils verfallenen Hafengegend in „public pleasure grounds“ mit Grünflächen und Flanierwegen. Ein ganz neues Stadtviertel soll so entstehen, dem hohe Ziele gesetzt sind: soziale Integration, Arbeitsplätze, Nachhaltigkeit. „Once we built ships, now we build cities“, so der Claim. Das Telegramm zum Untergang Angefangen hat diese Entwicklung bereits mit der Restauration der historischen Bürogebäude von Harland & Wolff, die jetzt das „Titanic Hotel“ im Boutiquestil beherbergen. Da kann es einem auf dem Weg zum Frühstück passieren, dass man an dem hübschen Eckraum mit abgerundeten Milchglas-Scheiben vorbeiläuft, hinter denen im April 1912 das Telegramm vom Untergang des Luxusdampfers eintraf. In dem lichtdurchfluteten Bau nebenan, in dem einst die Pläne für insgesamt mehr als 1700 Schiffe aus der Werft gezeichnet wurden, lässt sich nun eine Spezialmischung titanischen Tees genießen, auf englische Art mit allem Drum und Dran, auch ohne unterzugehen. Der 2012 eröffnete Neubau des von Eric Kuhne entworfenen Museums „Titanic Belfast“ aber ist es, der das neue Hafenquartier an der Mündung des Lagan River maßgeblich prägt. Er ragt mit seinen monumentalen Aluminiumplatten in der Höhe des Schiffsrumpfes (38 Meter) weithin sichtbar auf und bietet drinnen ein immersives, teils fast disneylandhaftes Erlebnis von der Härte des Werftarbeiterdaseins bis zum Stapellauf der Titanic, vom Luxus an Bord bis zu ihrer fatalen Kollision mit dem Eisberg und schließlich zum Auffinden des lange gesuchten Wracks im Jahr 1985. Die Königin des Ozeans seit 1912? Im Souvenir-Shop des Museums beschleicht einen manchmal das Gefühl, dieses Schiff wäre nie untergegangen, wenn man etwa auf T-Shirts für Kleinkinder die Aufschrift „Titanic – The Queen of the Ocean. Since 1912“ liest. Darunter steht „Limited Edition“. Außerdem sind Titanic-Gummischiffe für die Badewanne zu erwerben und, als Höhepunkt, das Äquivalent eines Räuchermännchens in Schiffsform, das aus vier Schornsteinen qualmen kann. Damit nicht genug, hat vor Kurzem sogar noch eine Whiskey-Destillerie in der historischen Pumpstation direkt neben dem Trockendock, in dem die Titanic gebaut wurde, eröffnet. Der Name des edlen Brands? Na klar, was sonst! Bevor man aber den titanischen Whiskey zu kosten bekommt, kann man auf der „Dock Tour“ eine eindrucksvolle und mit theatralischen Einlagen eines bärtigen Nordiren namens Brian angereicherte Begehung der gigantischen Anlage unternehmen. Über eine Metalltreppe geht es hinunter auf den Grund des Docks, wo man erst ein Gefühl für die wahren Dimensionen dieses Schiffes bekommt. Jeder der gusseisernen Kielblöcke, die dort noch in einer langen Reihe am Grund liegen, wiegt fast vier Tonnen. Die Titanic selbst wog mehr als 52.000 Tonnen. Alte Fotos aus dem Trockendock belegen, wie riesig ihre Antriebsschrauben waren, die Arbeiter wirken darunter wie Zwerge. Wenn man heute dort unten an den verwaisten Kielblöcken steht, mag man sich kaum vorstellen, wie dieses mächtige Schiff in der Mitte auseinanderbrach, während es sank. Von der Leinen-Metropole zum „Belfast Blitz“ Mit Untergängen kennt man sich in Belfast aber genauso gut aus wie mit Aufstiegen. Zur Hochzeit des Schiffbaus war die Stadt, wie zuvor mit ihrer weltbekannten Leinenindustrie, die ihr im 19. Jahrhundert den Spitznamen „Linenopolis“ einbrachte, ein bedeutendes Industriezentrum – mit allen unmenschlichen Ausbeutungen, die damit einhergingen. Für den nächsten Fast-Untergang sorgten die Nazis. Im „Belfast Blitz“ fügte die deutsche Luftwaffe der Stadt schweren Schaden zu. In nur einer Nacht im April 1941 wurden dabei 900 Menschen getötet und 1500 verletzt. Vor allem aber stand Belfast über Jahrhunderte immer wieder im Brennpunkt in der langen Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Irland und England. Nach dem Osteraufstand in Irland 1916, der 1922 zur Abspaltung des größten Teils Irlands vom Vereinigten Königreich führte, verblieben sechs der neun Grafschaften der historischen irischen Provinz Ulster nach einem Antrag des nordirischen Parlaments unter britischer Herrschaft, mit Belfast als Hauptstadt des so entstandenen „Nordirland“. Der Mehrheit zumeist protestantischer Unionisten, die zur englischen Krone gehören wollten, stand eine Minderheit zumeist katholischer irischer Nationalisten gegenüber. Die Konfrontationen zwischen ihnen waren schon in den 1920er-Jahren blutig. Um 1968 begannen sie sich abermals zu verschärfen zu etwas, das manche als asymmetrischen Krieg bezeichnen, andere verharmlosend als „the troubles“. Jedenfalls kamen mehr als 3500 Menschen ums Leben, und fast 50.000 wurden verletzt, bis 1998 das Karfreitagsabkommen endlich Frieden versprach. Milchgesichter mit Sturmgewehr Im Ulster Museum am Botanischen Garten der Queen’s University sieht man viele historische Fotos, auf denen die Stadt wirkt wie ein Kriegsgebiet. Noch in den Achtzigerjahren waren Bombenattentate und Schießereien an der Tagesordnung. Belfast war eine geteilte Stadt. Sogenannte „peace lines“, also Friedenslinien, sollten die verfeindeten Stadtteile voneinander trennen. Die notorischen Viertel und Straßen in West Belfast, die sich klar einer Seite zuordnen lassen, sind heute Orte seltsamer Folklore geworden, vor allem die protestantische Shankill Road und die katholische Falls Road. Wandmalereien an ihren Häusern zeugen weiter von Trennung, wenn sie ihre jeweiligen „Helden“ ehren. Sie haben Milchgesichter, aber ein Sturmgewehr in der Hand. Dazu kommt eine drastisch sichtbare Vermengung mit dem Israel-Palästina-Konflikt, die teils auf fragwürdigen historischen Parallelen und politischen Allianzen beruht. Öffentliche Einrichtungen wie das Ulster Museum hingegen sind bemüht um eine objektivierende Sicht auf die Zeitgeschichte – im Bewusstsein dessen, dass ihre Darstellung notwendig umstritten ist. Gleich am Eingang liest man den bemerkenswerten Hinweis: „While we have a shared past, we do not have a shared history.“ Das wird deutlich an vielen konfligierenden Zeugnissen, die außerdem zeigen, dass der Nordirlandkonflikt über die Frage der Religionszugehörigkeit weit hinausging – und noch immer geht. Die Frage jedenfalls, ob an einer im Entstehen begriffenen zentralen Busstation in Belfast nur englische oder auch gälische Beschriftungen anzubringen sind, ist hier keine Kleinigkeit. Eine große Hoffnung auf eine neue, andere Strahlkraft Belfasts liegt in seiner Ernennung zur „UNESCO City of Music“ 2021. Mit diesem Status verbindet sich, vielleicht mehr noch als in anderen derartigen Musikstädten wie Liverpool oder Mannheim, der konkrete Wunsch, dass Musik integrativ und friedensstiftend wirken soll. Mystik des Ostens Gary Lightbody, der 1976 im nordirischen County Down geborene Sänger der Band Snow Patrol, hat mitten in Belfast zur Jahrtausendwende das „Oh Yeah Music Centre“ mitbegründet, eine gemeinnützige Kreativ- und Konzertstätte für junge Musiker, und er ist heute Pate des UNESCO-Auftritts der Stadt. In den letzten Jahren relativen Friedens, sagt er, sei die Musikszene aufgeblüht. Als Magnet für Reisende aus aller Welt und Galionsfigur soll aber ein Belfaster Musiker dienen, der 1945 dort geboren wurde und seinen achtzigsten Geburtstag mit umjubelten Konzerten in der „Waterfront Hall“ feierte: Ivan „Van“ Morrison. Das wirkt nicht nur deshalb schlüssig, weil er über die Jahrzehnte so ganz unterschiedliche Gesichter der Stadt gesehen und besungen hat. Vom Früh- bis zum Spätwerk Van Morrisons sind viele Songs auf ganz konkrete Orte bezogen, entlang derer die Connswater Community in East Belfast einen „Walking Trail“ entwickelt hat, nebst liebevoller Anleitung in Form eines CD-Booklets mit dem Titel „Mystic of the East“. Das spielt neben seiner Herkunft auf sein vielleicht schönstes Lied an, „Into the Mystic“ vom Album „Moondance“ (1970). Wenn man dieser Anleitung folgt, was auch mit der Belfaster Stadtführerin Dolores Vischer geht, findet man sich morgens im Sprühregen „down in the Hollow“ wieder, wo Van Morrisons von ausgelassener junger Liebe handelnder Ohrwurm „Brown Eyed Girl“ entstanden ist. Vor dem schlichten Reihenhaus, in dem der Sänger aufgewachsen ist, lauscht man den Zeilen seines Lieds „On Hyndford Street“, das die Stille an einem späten Sommerabend beschreibt, an dem die Inspiration aus dem Radio kam und der Jugendliche sich weit weg träumte: „As the wireless played Radio Luxemburg / And the voices whispered across Beechie River / And in the quietness we sank into restful slumber“. Zurück auf der alten Straße Zu den weniger friedlichen Zeiten in seiner Heimatstadt hat sich Van Morrison nie viel geäußert, im Spätwerk dagegen scheint sich ein immer nostalgischerer Blick auf die Zeiten davor, eben jene seiner Kindheit und Jugend, herauszuschälen. Das hört man etwa in „Orangefield“ (1989) über jenen Park, der Kindern der Fünfziger ein kleines bisschen Grün im verrauchten Grau der Arbeiterstadt bot, und man sieht es auch im Musikvideo zu „The Healing Game“ (1997), das mit seiner mosaikhaft-träumerischen Darstellung von Belfaster Stadtszenen fast schon touristischen Charakter hat. Und der Text zu „Remembering Now“ wirkt wie das ostentative Bekenntnis eines Heimgekehrten zu seiner Stadt: „This is what I need / Back here on the street / Back in Belfast / Strumming this guitar / It took me very far”. Wer dem Konzept „Reisen mit Van Morisson“ noch etwas folgen möchte, kann dies mit seinem Lied „Coney Island“, das sich wie die konkrete Anleitung zu einem Sonntagsausflug liest. Dazu braucht man allerdings ein Auto – zu entdecken ist die wunderschöne Küstenlandschaft nordöstlich von Belfast bis hin zu einer verwunschenen Bucht, in der man das Spätlicht im Marmeladenglas einfangen kann. Coming down from Downpatrick Stopping off at St. John's Point Out all day birdwatching And the craic was good Stopped off at Strangford Lough Early in the morning Drove through Shrigley taking pictures And on to Killyleagh Stopped off for Sunday papers at the Lecale District, just before Coney Island On and on, over the hill to Ardglass In the jamjar, autumn sunshine, magnificent And all shining through Dolores Vischer, die selbst in der Belfaster Musikszene seit Langem verankert ist, mal in einem Punk-Chor gesungen hat und mit den Stranglers aufgetreten ist, hat in ihrer Playlist neben Van Morrison auch noch andere Künstler aus der Gegend. Interessante neue Folkmusik etwa findet man von der in Irland geborenen Sängerin Dani Larkin, deren Song „Between Worlds“ die anglo-irische Zerrissenheit reflektiert, oder vom 1989 geborenen Joshua Burnside. Eine Extra-Tour bietet Vischer zum Thema „Belfast Punk“ an. Ganz unproblematisch ist aber auch die Sache mit der Popmusik in Belfast nicht. Zuletzt hat die von hier stammende Rap-Gruppe Kneecap viel dafür getan, alte Gräben wieder aufzureißen, Klischees zu bedienen und mit Ressentiments zu spielen. Ihre gesamte Performance wirkt wie eine schamlose Theatralisierung des Nordirlandkonflikts, nebst der schon beschriebenen Parallelisierung mit dem um Palästina. Kneecap wird Propaganda für terroristische Gruppierungen vorgeworfen, und wer ihren Aktivismus betrachtet, könnte sich leicht Sorgen darum machen, welche anstachelnde Wirkung er insbesondere in Bezug auf Nordirland hat. So viel dort erreicht wurde, bleibt Belfast doch der Ort, an dem man bis heute gelegentlich zu spüren bekommt, wie fragil der Frieden des Karfreitagsabkommens ist. Da wirkt das Titanic-Museum fast wie ein Fortschrittsanker. Und auch die mächtigen Kräne von Harland & Wolff stehen nicht auf alle Ewigkeiten still. Seit 2025 gehört die Werft dem Unternehmen Navantia UK, einer Tochtergesellschaft des staatlichen spanischen Rüstungskonzerns Navantia.
