Chinesische Technik für das autonome Fahren drängt mit Macht nach Europa. In China produzierte Autos der Marken Jeep, Peugeot und Citroën sollen künftig weltweit mit Software des chinesischen Unternehmens Momenta fahren. Das sagten Momenta-Chef Cao Xudong und Lü Haitao, Geschäftsführer eines chinesischen Gemeinschaftsunternehmens von Stellantis, in einer Runde mit chinesischen Journalisten und der F.A.Z. Das Gemeinschaftsunternehmen des europäischen Autokonzerns und des staatlichen chinesischen Herstellers Dongfeng hat seinen Sitz in Wuhan, Hauptstadt der Provinz Hubei, und soll die kriselnden Marken wiederbeleben. „Alle unsere Fahrzeuge der nächsten Generation sind für China und den Weltmarkt vorgesehen“, sagte Lü. „Anders als andere Gemeinschaftsunternehmen wollen wir die in China entwickelte Intelligenz direkt in die ganze Welt tragen.“ Neben Europa blicke man auch nach Kanada und Mexiko. „Grundsätzlich kommen alle Märkte außerhalb der USA infrage“, sagte Lü. Die USA schließen chinesische Autos fast vollständig aus ihrem Markt aus, unter anderem aus Angst vor Spionage. VW mit ähnlicher Strategie Der Ansatz von Stellantis ähnelt dem des Volkswagen-Konzerns. Dieser hat in der ostchinesischen Stadt Hefei ein neues Entwicklungs- und Produktionszentrum aufgebaut, das eine Art zweites Wolfsburg ist. Die dort gefertigten Autos sind nicht mehr nur für den chinesischen Markt gedacht, sondern auch für jene Exportmärkte, die von chinesischen Herstellern ins Visier genommen werden. Bisher denkt der Konzern vor allem an Südostasien, den arabischen Raum, Zentralasien oder Lateinamerika. VW kooperiert in Hefei mit dem Momenta-Konkurrenten Horizon Robotics. Bisher ist chinesische Software für das automatisierte Fahren nur sehr vereinzelt in Europa präsent. Hersteller wie Nio, Xpeng oder BYD haben eigene Software an Bord, Momenta ist in Europa bis dato nur in Marken chinesischer Konzerne vertreten, vor allem bei IM Motors vom Shanghaier Staatskonzern SAIC. Die Kooperation mit Stellantis bedeutet nun, dass die chinesische Technologie auch in Marken steckt, die Europäern vertrauter sind. Europäische Unternehmen machten in dem Feld zuletzt vor allem mit Negativschlagzeilen von sich reden. Im Sommer hatten der Automobilzulieferer Bosch und der VW-Konzern ihre Zusammenarbeit beim autonomen Fahren aufgekündigt. Als wichtigste Konkurrenten der Chinesen gelten die US-Unternehmen Tesla und das Alphabet-Tochterunternehmen Waymo sowie Mobileye aus Israel. „China ist heute führend“ Die beiden chinesischen Manager äußerten sich in Shanghai sehr selbstbewusst in Bezug auf die chinesischen Fähigkeiten bei autonomen Autos. „Wir sehen derzeit, dass China beim autonomen Fahren der Welt ungefähr vier Jahre voraus ist“, sagte Momenta-Chef Cao. Lü blies ins gleiche Horn. Er sei gerade aus Europa zurückgekommen. Dort bräuchten die Kunden vielleicht noch etwas Zeit, bis sie intelligente Fahrzeugtechnik annähmen. Aber die Entwicklung sei nicht aufzuhalten. „China ist heute führend, nicht nur in der Technologie, sondern auch in der Nutzererfahrung.“ Laut Daten von Momenta wurden im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt acht Millionen Autos mit fortschrittlicher Technologie für das autonome Fahren verkauft, 85 Prozent davon in China. Momenta-Chef Cao, der früher als Forscher für Microsoft und das chinesische KI-Unternehmen Sensetime gearbeitet hat, unterstrich seine globalen Ambitionen. Man habe früh mit der Internationalisierung begonnen. Ursprünglich habe man etwa einen chinesischen Unternehmensnamen gehabt. „Aber wir wollen, dass chinesische Technologie raus in die Welt geht. Deshalb haben wir uns für einen englischen Namen entschieden.“ Vor fünf Jahren, noch während der Pandemie, habe seine Mitgründerin das Büro in Deutschland aufgebaut. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen mit seinem System bisher in zehn Ländern außerhalb Chinas vertreten, darunter Norwegen und Großbritannien, aber auch Singapur, Australien und Neuseeland. Zu den Investoren zählen Großkonzerne wie General Motors, Mercedes, Toyota und BYD, auch der deutsche Zulieferer Bosch. Größter Anteilseigner ist SAIC aus Shanghai. Im Februar traf Cao Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Peking. Merz unternahm dort zusammen mit Mercedes-Chef Ola Källenius eine Testfahrt mit einem Mercedes mit Momenta-Software. Momenta-Aktie schwächelt Momenta ist Anfang Juli in Hongkong an die Börse gegangen. Seitdem hat der Aktienkurs rund die Hälfte seines Wertes eingebüßt und wird an der Börse nun noch mit umgerechnet rund vier Milliarden Euro bewertet. Als Grund gilt unter anderem, dass das Unternehmen weiterhin Geld verbrennt und die Bewertung zum Zeitpunkt des Börsengangs sehr hoch war. Der Umsatz legte im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um drei Viertel auf rund 200 Millionen Euro zu. Die Verluste verneunfachten sich aufgrund von Bewertungsänderungen auf umgerechnet mehr als zwei Milliarden Euro. Bereinigt blieb ein Minus von knapp zwei Millionen Euro. Das vor zehn Jahren gegründete Unternehmen hat Ende Juli die Erlaubnis vom Kraftfahrt-Bundesamt bekommen, autonome Autos in ganz Deutschland zu testen. Die Testbefugnis gilt für Fahrzeuge auf Level vier. Das autonome Fahren wird in verschiedene Stufen eingeteilt. Bis Level zwei bleibt der Fahrer jederzeit verantwortlich und muss eingreifen können, auf Level drei übernimmt das Auto in bestimmten Situationen – etwa auf der Autobahn – die Verantwortung, der Fahrer muss aber weiterhin eingreifen können. Level vier heißt, dass das System für das Fahren verantwortlich ist und kein Fahrer mehr nötig ist. Momenta gilt auf dem chinesischen Markt als einer der wichtigsten Zulieferer für Software für das autonome Fahren. Der Marktanteil lag im ersten Halbjahr bei rund 26 Prozent, heißt es vom Shanghaier Analysehaus i4-Research, das auf Daten rund um das autonome Fahren spezialisiert ist. Vor Momenta lag nur der Huawei-Konzern, der auf einen Anteil von rund 40 Prozent kommt. Huawei ist an den Autoherstellern, die seine Technologie verbauen, aber beteiligt, Momenta ist dagegen eher ein klassischer Zulieferer. Schaut man nur auf die Drittanbieter, kommt Momenta auf einen Marktanteil von rund zwei Dritteln.
