FAZ 17.09.2026
09:00 Uhr

Alpen im Klimawandel: Die Berge zerbröseln


Der Hitzesommer ist an den Bergen nicht spurlos vorübergegangen. Wer jetzt im Herbst in den Alpen wandern möchte, muss in diesem Jahr besonders sorgfältig planen.

Alpen im Klimawandel: Die Berge zerbröseln

Vergangenen Samstag, den 12. September, lösten sich in Südtirol an der 3214 Meter hohen Schöntaufspitze Tausende Kubikmeter Stein und donnerten talwärts. Der Berg in der Ortlergruppe oberhalb von Sulden liegt in einer beliebten Wanderregion, aber bereits vor dem Ereignis wurden aufgrund des Risikos Wanderwege gesperrt. Seit etwa einer Woche dürfen am 2500 Meter hohen Säntis in der Ostschweiz Fußgänger eine Straße nicht mehr passieren, weil der Hang in Bewegung ist und die Felsen abzustürzen drohen. Bereits im Juli gingen am höchsten Berg der Alpen, dem 4800 Meter hohen Montblanc, größere Felsstürze ab, zwei Bergsteiger kamen ums Leben. Im August brachen riesige Felsblöcke am Südhang des Matterhorns ab. Der Kitt schmilzt Die Vorfälle sind beispielhaft für die Gefahr, die von oben droht. Wie viele Felsstürze in diesem Sommer bereits in den Alpen abgingen, lässt sich nicht beziffern. „Leider gibt es keine aktuelle gesamtalpine Statistik zu gravitativen Massenbewegungen“, sagt Samuel Weber, Permafrostexperte beim Schweizer WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung. Der Fachbegriff umfasst alle Verlagerungen von Fels und Lockergestein im Gebirge, die unter dem Einfluss der Schwerkraft auftreten. Geomorphologen meinen damit also Fels- und Bergstürze, Hangrutschungen und Muren. Fels- und Bergstürze sind in heißen Sommern besonders wahrscheinlich, weil die Wärme tief in den Berg eindringt und dort den Permafrost – den Kitt der Berge – zum Schmelzen bringt. Die bis dahin vom Eis zusammengehaltenen Felsen werden dadurch instabil, und die Gefahr steigt, dass Steine und Felsen zu Tal poltern. In diesem Jahr wurde am Matterhorn schon Mitte Juli vor Begehungen gewarnt, so früh wie selten. Die fehlende Schneedecke machte Aufstiege zusätzlich gefährlich. Mitte August sagte der französische Geomorphologe Ludovic Ravanel der Nachrichtenagentur AFP, dass er wegen des tauenden Permafrosts mit einem Rekordjahr rechne. Allein am Mont Blanc würden 450 Felsstürze erwartet. Die große Mehrheit davon gehe auf das Konto des Klimawandels, meinte der Forscher des französischen Forschungszentrums CNRS. Die Gefahr ist in den Alpen – trotz kühlerer Temperaturen – aber auch im Spätsommer noch lange nicht gebannt. Denn bis dahin hatten die hohen Temperaturen Zeit, bis tief in den Fels hineinzuwirken. Schlammlawinen Im Gegensatz zu Felsstürzen war das Risiko von Muren und Sturzfluten in diesem Sommer wahrscheinlich eher geringer als sonst. Gewitter und Starkregenfälle traten in diesem Sommer deutlich seltener auf, und Wasser ist die Voraussetzung dafür, dass Schlamm und Geröll zu Tal rutschen. Allerdings kam es auch dieses Jahr zu verheerenden Muren, vor allem in Südtirol. In Zukunft dürften sich solche Naturgefahren intensivieren, resümierte Samuel Weber vor zwei Jahren in einer Studie im Fachmagazin „Earth-Science Reviews“. Vor allem oberhalb der Baumgrenze könnte es zu mehr Muren kommen, weil wegen der Gletscherschmelze vermehrt lockeres Material zur Verfügung steht, das vom Starkregen weggespült wird. Auch bei Steinschlägen registrieren Weber und seine Kollegen über die vergangenen Jahrzehnte eine Zunahme der Aktivität. Eine Folge tauenden Permafrosts und schwindender Gletscher.