Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet: Albert Schweitzer kommt! Die ganze, nach ihm benannte Wohnsiedlung im Stadtteil Eschersheim war an diesem 29. August 1959 in Aufruhr. Dann kam er tatsächlich – und sein Weg führte direkt an Jana Steinbergers Elternhaus vorbei. „Er kam hier den Weg entlang, mit seinem abgetragenen Schlapphut auf dem Kopf. Der war ja nicht die Spur eitel“, erinnert sich die heute 83 Jahre alte Frankfurterin. Natürlich sei sie damals wie alle Nachbarn aus dem Haus gestürzt. Und da habe Schweitzer plötzlich vor ihr gestanden. Und ihr die Hand gegeben. Wenn sich die einstige Grafikerin und Krankenschwester an diesen Moment erinnert, leuchten ihre Augen. „Albert Schweitzer ist für mich eine Lichtgestalt. Der hat seine inneren Überzeugungen gelebt.“ Viele seien ihm damals auf seinem Gang durch die erst zwei Jahre zuvor fertiggestellte Siedlung gefolgt. Immer wieder sei er fotografiert worden. „An einem Torbogen an der Ziegenhainer Straße hat er dann eine kleine Ansprache gehalten und auch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Apfelbäume zu pflanzen.“ Dieser Frankfurt-Besuch war nicht der erste von Albert Schweitzer – und er sollte nicht der letzte bleiben. Schon im November 1911 hatte der gebürtige Elsässer, der nicht nur Doktor der Philosophie, der Theologie und der Medizin war, sondern auch ein versierter Organist, hier ein Konzert gegeben. Auch bei seinem nächsten Aufenthalt, 1920, stand die Musik im Mittelpunkt. Mehr als zwanzigmal hat Schweitzer die Mainmetropole besucht. „Frankfurt hat gleich einen besonderen Zauber auf mich ausgeübt, auch, weil es die Stadt Goethes war“, bekannte der Goethepreisträger des Jahres 1928. Am 16. September 1951, vor 75 Jahren, wurde ihm in der Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Die Laudatio hielt der damalige Bundespräsident Theodor Heuss, den Schweitzer während seiner Zeit als Pfarrer in Straßburg (1902 bis 1912) getraut hatte. Das Preisgeld von 10.000 Mark stiftete der ab 1913 im afrikanischen Gabun als Arzt tätige Schweitzer notleidenden Schriftstellern und Heimatvertriebenen. Auch nachdem er 1954 in Oslo den Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 erhalten hatte, veranlasste er eine Spende: Ein Teil der Dotation (50.000 schwedische Kronen) sollte Heimatvertriebenen zugutekommen. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb, damals um Hilfe bei der Verteilung der Spenden gebeten, sorgte als Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass im Stadtteil Frankfurter Berg eine Schule nach Schweitzer benannt wurde. Und das gerade entstehende Wohnviertel in Eschersheim mit seinen etwa 1500 Wohnungen in 23 viergeschossigen Wohnblocks, einem 13 Stockwerke hohen Appartementhaus und 117 Einfamilienhäusern erhielt den Namen „Albert-Schweitzer-Siedlung“. Ehrenbürger seit 1959 „Der Geist der Humanität ist nicht tot“, hatte Schweitzer bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels dem Publikum der Paulskirche zugerufen. Zu seiner Festansprache am 16. September 1951 gehörten auch die Worte: „Er braucht keine andere Lebens- und Welterkenntnis mehr als die, dass alles, was ist, Leben ist, und dass wir allem, was ist, als Leben, als einem höchsten unersetzlichen Wert, Ehrfurcht entgegenbringen müssen.“ Ehrfurcht vor dem Leben – mit dieser Quintessenz einer Ethik, die die Verantwortung jedes Menschen für sein Tun und Lassen in den Mittelpunkt stelle, sei Albert Schweitzer nach dem Zweiten Weltkrieg als Vaterfigur aufgebaut worden, um Leerstellen zu füllen, sagt Roland Wolf und fügt etwas bitter hinzu: „Wenn man das ernst genommen hätte, sähe die Welt heute ganz anders aus.“ Als Vorsitzender des Deutschen Hilfsvereins für das von Albert Schweitzer in Lambaréné, im westafrikanischen Gabun, gegründete Spital leitet Wolf auch das dem „Urwalddoktor“ gewidmete Deutsche Albert-Schweitzer-Zentrum. Zu dieser 1969 in Frankfurt ins Leben gerufenen Begegnungsstätte, die seit 2022 in Offenbach zu finden ist, gehören ein Archiv, eine Bibliothek, Büroräume und ein Museum. „Ehrfurcht vor dem Leben“ – dieser universelle Grundsatz begrüßt den Besucher gleich am Eingang. Wie sich Schweitzers Auffassung von Toleranz und Freiheit in seiner Biographie niedergeschlagen hat, beleuchtet die Ausstellung mit Fotos, Texten und originalen Dokumenten in einzelnen Stationen, die den verschiedenen Facetten seines Wirkens gewidmet sind. Nach der Verleihung des Goethepreises 1928, so ist hier unter anderem zu erfahren, hat Schweitzer noch ein Orgelkonzert in der Lukaskirche in Sachsenhausen gegeben. Von einem weiteren Konzert, das der Schüler des Pariser Orgelmeisters Charles-Marie Widor am 28. Oktober des Jahres in der Katharinenkirche gegeben hat, ist der Programmzettel ausgestellt: Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 565, gefolgt von Bach und nochmals Bach. Schweitzer hat den großen Thomaskantor, dem er auch eine gewichtige Monographie gewidmet hat, tief verehrt. Im Speisesaal von Lambaréné stand ein Pedalklavier, auf dem er täglich Bach spielte. Vom Erlös der Konzerte, die er in Europa gab, finanzierte er zum wesentlichen Teil den Aufbau seines Spitals am Ogooué-Fluss, knapp 200 Kilometer östlich der Mündung in den Golf von Guinea. „Er hat seine Überzeugungen gelebt“ Auch zur Gedenkfeier anlässlich des 100. Todestages von Goethe ist Albert Schweitzer nach Frankfurt gereist. Seine Rede mit der Aufforderung „Werde ein Mensch der Tat“, die er am 28. August 1932 im Opernhaus gehalten hat, liegt gedruckt in einer Vitrine. Während dieses Aufenthalts verlieh ihm die Stadt eine weitere Auszeichnung, die Goetheplakette „für kulturelle Verdienste“. Als Schweitzer das nächste Mal nach Frankfurt kam – als Ehrengast der Feiern zum 200. Goethe-Geburtstag am 28. August 1949 und zur Verleihung des Goethepreises an Thomas Mann –, lag die Stadt in Schutt und Asche. Auch 1950 und 1952 hat Schweitzer den Geburtstag Goethes in Frankfurt verbracht. Fühlte er sich doch mit dem hier geborenen Dichter wesensverwandt. Vor allem beeindruckte ihn „die Einheit seiner Persönlichkeit in dem Nebeneinander von praktischem Tun und geistigem Gestalten“. „Albert Schweitzer war ein ganz besonderer Mensch. Er hatte innere Überzeugungen, und die hat er auch gelebt“, so fasst Jana Steinberger ihre Verehrung für den Theologen, Musiker, Philosophen, Atomgegner, Verfasser zahlreicher Schriften und Zehntausender Briefe, Spitalgründer und Tropenarzt zusammen. Gemeinsam mit Günter Tatara, einem weiteren „Ureinwohner“ der nach Schweitzer benannten Siedlung, widmet sie sich hier der Pflege seines Andenkens. Denn leider, so Tatara, sei Schweitzer heute gar nicht mehr so bekannt. Die Gesellschaft sei dazu übergegangen, ihn kritisch an heutigen Maßstäben zu messen, obwohl er doch in seiner Zeit absolut fortschrittlich gewesen sei. „Die Pflege seines Erbes hat deutlich nachgelassen“, meint auch Wolf vom Albert-Schweitzer-Zentrum. „Die junge Generation hat heute andere Vorbilder.“ Tatara jedoch, Jahrgang 1955, ficht das nicht an: „Für mich war und ist Albert Schweitzer eine moralische Instanz.“ Also hat er die „Bürgerinitiative Albert-Schweitzer-Siedlung“ gegründet, der es im März 2014 gelungen ist, am Haus Ziegenhainer Straße 1 eine Gedenktafel anbringen zu lassen. „Albert Schweitzer starb 1965 in Lambaréné“ steht dort unter anderem neben einem Porträt des Humanisten zu lesen – und auch dass die Stadt Frankfurt ihn 1959 zu ihrem Ehrenbürger ernannte und ihm hier, im Haus Nummer 1, eine kleine Wohnung zur Verfügung stellte. Gewohnt hat er dort allerdings nie; später überließ er die Räume dem Organisten der benachbarten Kirchengemeinde. Auch Schweitzers Mahnung, Apfelbäume zu pflanzen, hat sich Tataras Bürgerinitiative zu Herzen genommen. Hinter einem der Wohnblocks gibt es heute eine kleine Streuobstwiese – „neun Bäume, alles alte Sorten“.
