FAZ 11.09.2026
08:28 Uhr

Aktienmarkt: Europa eine Chance geben


Die vielen Millionen ETF-Sparer versorgen derzeit vor allem die US-Techbranche mit Geld. Ein stärkeres Gegengewicht ist überfällig.

Aktienmarkt: Europa eine Chance geben

Wenn ein Anleger die Wahl hat zwischen der Aktie eines hochprofitablen, marktmächtigen, markenstarken Unternehmens mit steigendem Aktienkurs und hohem Börsenwert und der Aktie eines sehr viel kleineren, weniger profitablen Unternehmens, das mehr von der Hoffnung auf künftige Erfolge getragen wird, dann fällt die Wahl meist auf die erste Aktie. Das treibt seit Jahren die US-Techgrößen zu immer neuen Höhen. Aktiv gemanagte Fonds wie ETF schaufeln immer mehr Geld auf den ohnehin schon größten Kapitalberg der Welt. Den Europäern nun vorzuschreiben, im Rahmen ihrer Altersvorsorge doch bitte patriotischer, also mithin europäischer anzulegen, damit hier auch genügend Wachstumskapital zusammenkommt, kann nicht funktionieren. Was aber funktioniert, ist der Aufbau eines Ökosystems: Mehr Risikokapital in Europa (wie es Schweden, die Niederlande, Frankreich, Italien und manch andere vormachen) nun auch aus Deutschland, weil mehr Anleger für die Altersvorsorge in Aktien und ETF sparen, bald zusätzlich angespornt durch das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot, animiert Unternehmen auf der Suche nach Finanzierung, auch in Europa verstärkt vorstellig zu werden. Bessere Chancen für Start-ups und Wachstumsfinanzierung Größere Pensionsfonds, Versorgungswerke mit tieferen Taschen, wachsende Fondsgesellschaften und Versicherer: Wenn sie alle risikofreudigere Sparer im Rücken haben, können sie ihrerseits Start-ups und Wachstumsfinanzierungen viel häufiger eine Chance geben. Das passiert alles nicht auf Knopfdruck und vom ersten Tag an. Die angedachte Kapitalrente in der ersten Säule der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland kann helfen. Eine flexiblere und weiter verbreitete Betriebsrente in der zweiten Säule (bisher nur ein Säulchen) auch. Und natürlich ein von vielen Anlegern erst seit Kurzem oder vielleicht auch erst mit dem staatlichen Anstoß durch Altersvorsorgedepot und Frühstartrente erstmals begonnener Aufbau einer dritten, privaten Säule – sie alle können zusammen genommen helfen, das Signal in die Unternehmenswelt zu senden: In Deutschland herrscht künftig mehr unternehmerisches Verständnis vor, eine größere Risikobereitschaft zur Finanzierung von unternehmerischen Wagnissen. Das lockt Unternehmen und Unternehmer an, wie schon seit Jahrzehnten in den USA oder seit Jahren in Schweden. An guten Ideen mangelt es in Europa nicht. Oft aber ist die Finanzierung bisher zäh. Je mehr Unternehmen und Unternehmer sich aber versuchen können, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, hier lohnende Investitionsvehikel zu finden und ihnen zu Größe zu verhelfen – ganz ohne die Investoren zu ihrem Glück zu zwingen zu versuchen. Es ist das umgekehrte Henne-Ei-Phänomen: Sind erst ein paar Hühner da, fühlen sich weitere Hühner angezogen, die Zahl der Eier wächst, und keiner muss mehr fragen, was zuerst da war. Kapital und Unternehmen befruchten sich gegenseitig.