Es ist das erwartete gute Ergebnis. Jens Spahn ist an diesem Dienstag mit 86,5 Prozent als Vorsitzender der Unionsfraktion wiedergewählt worden. Von den 208 Abgeordneten von CDU und CSU nahmen 196 an der Abstimmung teil, hieß es aus Fraktionskreisen. 167 Abgeordnete stimmten mit Ja, 26 mit Nein, drei enthielten sich. Enthaltungen werden von der Unionsfraktion nicht berücksichtigt. Spahn, der vor einem Jahr 91,3 Prozent bekommen hatte, dankte den Abgeordneten für den Vertrauensbeweis. Ziel sei, dass die Fraktion ein Stabilitätsanker bleibe, man habe noch viel vor. Nun beginnt eine spannende Phase. Anders als die SPD wählt die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU ihren Vorsitzenden nicht zur Hälfte der Legislaturperiode nach zwei Jahren wieder, sondern bereits nach einem. Dafür sitzt der Vorsitzende anschließend für drei Jahre mehr oder minder unantastbar im Sattel. Spahn hat die Probezeit also mit solidem Zeugnis der Abgeordneten bestanden. Bislang hat Spahn sich demonstrativ loyal an die Seite von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gestellt. Kaum eine Bundestagsrede des Fraktionschefs, die er nicht mit einem ausgiebigen Lob für den Kanzler begonnen hat. Anders als seine Minister kann Merz den Fraktionsvorsitzenden nicht feuern, wenn er das will. Zwar würde es schwierig für diesen, sich zu behaupten, wenn der Kanzler offen gegen ihn stünde. Aber gewählt ist er von den selbstbewussten Abgeordneten. Wie hält Spahn es mit der AfD? Die Frage ist, was Spahn mit seiner gefestigten Macht tun wird. Noch vor seiner ersten Wahl hatte Spahn Sympathien für den Gedanken gezeigt, auch AfD-Politikern Ausschussvorsitze zu geben. Nicht zuletzt das hatte bei manchem die Sorge verstärkt, er strebe eine Normalisierung im Umgang mit der AfD an. Das hat Spahn jedoch seither immer wieder bestritten. Sollte die Koalition frühzeitig zerbrechen, stellt sich jedoch die Frage, ob jemand in der Union versuchen würde, aus einer Minderheitsposition heraus Mehrheiten zu finden, die dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit der AfD zustande kommen würden. Merz hat gerade erst ausgeschlossen, dass er für so etwas bereitstünde. Welche Rolle käme Spahn dann zu? Spahn war nach dem Rückzug Angela Merkels vom CDU-Vorsitz und in der Folge aus dem Kanzleramt an dem Versuch gescheitert, CDU-Vorsitzender zu werden. Der Ehrgeiz, von dem mancher behauptet, Spahn habe ihn im Übermaß, wurde damit aber deutlich. Der 1980 geborene Spahn denkt groß. Dass er nun mit einem soliden Ergebnis im Amt bestätigt wurde, ist bemerkenswert. Er war am Beginn seiner Amtszeit stark abgelenkt, weil die Vorwürfe, er habe als Bundesgesundheitsminister während der Corona-Pandemie im Übermaß und für zu hohe Preise Masken gekauft, nicht abebben wollten. Vor allem die Grünen, die Spahn ebenso wie ein Teil der SPD unterstellen, er wolle die CDU nach rechts verschieben, rannten in der Maskendiskussion gegen ihn an. Bis heute sind jedoch Vorwürfe des rechtswidrigen Verhaltens, gar der persönlichen Bereicherung, nicht bestätigt worden. Derart mit anderem beschäftigt, konnte Spahn nicht verhindern, dass die Koalition noch vor dem ersten Sommer in eine frühe, schwere Krise geriet. Er stand im Mittelpunkt, weil es ihm nicht gelungen war, die erforderlichen Stimmen für die Wahl der Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin zu organisieren. Merz machte seinem Ärger auch öffentlich Luft. Das Phänomen, das bis heute dem Ruf dieser Koalition schadet, war etabliert: Inhaltliche Erfolge wurden verdeckt durch lautstarken Streit. Doch Spahn hat sich nicht nur gehalten, sondern seine Position gefestigt. Die Schuld an der mäßigen Form der Koalition wird zunehmend beim Kanzler gesucht. Spahn, dem es Ende vorigen Jahres nur mit Ach und Krach und der Hilfe von Merz gelungen war, ein (allerdings von der Regierung ausgehandeltes) teures Rentenpaket durch die Fraktion zu bekommen, wurde mehr und mehr von den Abgeordneten anerkannt. Sein Wahlergebnis ist Beleg dafür.
