Als in der 55. Minute der beste Spieler der vergangenen Bundesligasaison eine Flanke von der rechten Seite schlug und damit präzise den besten Stürmer der vergangenen Bundesligasaison erreichte, war jedem im Berliner Olympiastadion klar, was passieren würde. In erster Linie, weil Harry Kane wirklich keine Mühe hatte, die Vorlage von Michael Olise aus wenigen Metern ins Tor zu befördern. Sondern auch, weil damit, obwohl noch über eine halbe Stunde zu spielen war, die Herrschaft über dieses Pokalfinale an den FC Bayern übergegangen war. Dreimal Harry Kane, drei zu null für Bayern Und der King hieß an diesem Samstagabend Kane. Das Siegel unter diesen Sieg setzte der Engländer, als er in der 80. Minute erst die Latte, kurz darauf aber doch noch ins Tor traf. Als nach Ablauf der regulären Spielzeit ein Handelfmeter zu schießen war, ließ er sich die Hoheit über diese Angelegenheit ebenfalls nicht nehmen. „Das ist so ein besonderes Spiel, so ein besonderes Gefühl“, sagte Kane bei Sky: „Es war unsere Saison.“ Dreimal Kane, drei zu null – danach hatte es zu Beginn nicht unbedingt ausgesehen, als Vincent Kompanys Bayern eine unbequeme Zeit im schwäbischen Schwitzkasten des von Sebastian Hoeneß bestens eingestellten Titelverteidiger VfB Stuttgart verbracht hatten. Doch am Ende nahmen sie bei ihrer Finalrückkehr nach sechs Jahren den Pokal wieder mit, als hätte er nie einem anderen gehört, und können ihn als Nummer 21 in ihrem Trophäenverzeichnis registrieren, das 14. Double ist es obendrein. Dass die Atmosphäre an diesem Abend lange besser war als das Spiel, muss sie nicht weiter kümmern. Allerdings war an diesem wunderbaren Berliner Frühsommerabend das Spiel für eine Weile ganz in den Hintergrund getreten, weil die bei den Berliner Finals schon beinahe rituelle Feuershow aus den Kurven alles vernebelte. Als die Münchner ihre Ehrenrunde liefen, war aber offenbar alles Pulver verschossen. Stuttgarter Supermänner in weißen Hemden Der VfB, der nun enttäuscht vom Platz schlich, hatte dieses Finale muskulös begonnen: Als steckten lauter Supermänner in den weißen Hemden mit dem Brustring. Die Bayern bekamen das, kaum war angepfiffen, zu spüren: Olise wurde von Demirovic zu Boden gecheckt, wenig später lagen Musiala und Olise gleichzeitig auf dem Grün. Unter dem Stuttgarter Dauerdruck gingen gerade im Zentrum mehr Bälle verloren, als Kompany lieb sein konnte. Den Weg nach vorn, den er von seinen Spielern einforderte, fanden sie nicht. Und weil die Stuttgarter, von Leweling und Führich beschleunigt, auch mit dem Ball etwas anzufangen wissen, kamen sie zu Chancen. Die beiden ersten waren ein kleiner Gruß des nicht für die WM nominierten Mittelstädt an den (anwesenden) Bundestrainer: Zuerst brachte er, von Undav freigespielt, das Netz von außen zum Wackeln, dann zwang er Urbig zu seiner Streckübung. Neben dem Spiel der Trainer sollte es auch eines der Torhüter werden, der Stuttgarter Nübel, von den Bayern ausgeliehen, als Nummer drei im DFB-Tor, Urbig als Nummer vier ohne Kaderplatz ebenfalls in der Reisegruppe dabei, in diesem Spiel aber als Stellvertreter der neuen alten Nummer eins im Fokus. Manuel Neuer fehlt im DFB-Pokalfinale Dass Manuel Neuer zwei Tage nach der Kadernominierung wegen seiner Wadenprobleme nicht spielte, wurde als Entscheidung der Vorsicht und Vernunft unter Einbeziehung des Bundestrainers dargestellt, ja, sogar als prospektiver Gewinn. „Aus Nationalmannschafts-Sicht ist es gut, dass er noch ein paar Tage Ruhe bekommt und dann top vorbereitet bei uns starten kann“, sagte Julian Nagelsmann. Am Sonntag in einer Woche allerdings, im vorletzten WM-Test gegen Finnland, sollte er seinen Platz aber besser eingenommen haben. Urbig jedenfalls fehlte unter Druck ein-, zweimal die Ruhe, die Neuer im Normalfall hat, was zu Ungenauigkeiten und auch Ballverlusten führte, aber ohne Folgen blieb. Nach einer knappen halben Stunde hatten die Bayern das Ärgste überstanden, der Zugriff der Stuttgarter war nicht mehr ganz so kraftvoll, die Münchner entkamen das eine oder andere Mal und näherten sich nun ihrerseits dem Strafraum an. Die beste Chance allerdings war ein Schuss aus der Distanz, von Stanisic. Das Spiel wirkte zu diesem Zeitpunkt wie ein weiterer Beleg dafür, wie sehr der Verlust Gnabrys die Bayern (und womöglich nicht nur die) schmerzt; Kane ließ sich als Spielmacher aus der Tiefe mitunter bis an die eigene Strafraumlinie fallen, aber vorn fehlten Musiala weiterhin die Superkräfte, die er vor seiner schweren Verletzung besessen hatte. Laut- und bildstarker Protest gegen den DFB Den Beginn der zweiten Hälfte nutzten beide Fankurven zu einem laut- und bildstarken Protest gegen den DFB, mit einem ganzen Spruchbandkatalog an Vorwürfen, gefolgt von einem Mehrjahresvorrat an Feuerwerk. Nun ging es darum, im Nebel den Durchblick zu behalten – und das taten die Bayern. Olise kam auf der rechten Seite viel zu ungestört zum Flanken, und in der Mitte hatten die Stuttgarter aus rätselhaften Gründen, die auch in der Videoanalyse schwer zu erklären sein werden, in der roten Zone den Mann im roten Trikot mit der Nummer neun aus den Augen verloren. Kane konnte es egal sein, er traf per Kopf aus kurzer Distanz. Gleich danach unterbrach Schiedsrichter Jablonski das Spiel für ein paar Minuten. Als es weiterging, hätte es fast schon entschieden sein können, doch Laimer brachte das Kunststück fertig, den Ball nach einer Parade Nübels über das leere Tor zu schießen. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben, weil die Bayern einen haben, der aus allen Lagen trifft und sich dieses Spiel endgültig untertan machte. Beim 2:0 ließ Kane mit einer Drehung Chema stehen, der schon beim ersten Treffer nur staunend zugesehen hatte, und aus elf Metern hieß es dann noch einmal: ein Schuss, ein Tor, die Bayern.
