Bundeskanzler Merz (CDU) sprach von einem "guten Tag" für Autofahrer und für Arbeitsplätze in Deutschland, Frankreich und ganz Europa. Die nochmals gelockerte Abkehr vom Verbrenner-Aus, auf die Berlin und Paris sich nun verständigt haben, war eine Hauptforderung der Bundesregierung. Niedersachsens Ministerpräsident Lies (SPD), dessen Bundesland mit einem Fünftel am Branchenriesen VW beteiligt ist, nannte die Einigung ein starkes Signal für die europäische Automobilindustrie.
Ähnlich äußerte sich der sozialdemokratische Parteichef Klingbeil. Es seien "richtige Entscheidungen" für die Beschäftigten und die Standorte der Autoindustrie getroffen worden. Dabei habe die SPD innerhalb der Koalition erreicht, dass gemäß der Zielformulierung wichtige Komponenten in Deutschland und Europa entwickelt und produziert würden.
Schneider: "E-Autos setzen sich in jedem Fall durch"
Auch Bundesumweltminister Schneider, der die Aufweichung der Verbrenner-Auflagen erkennbar mit Skepsis betrachtet, begrüßte die Einigung. Der SPD-Politiker betonte zugleich: "Elektroautos werden sich in jedem Fall durchsetzen, weil sie technisch überlegen sind." Die Hersteller bekämen aber "etwas mehr Spielraum bei den CO2-Werten, um sie in die Lage zu versetzen, in Elektromobilität und in europäische Standorte zu investieren".
Frankreichs Präsident Macron schrieb auf X, Europa müsse "ein Kontinent sein, der innovativ ist, investiert und produziert und dabei das Klima schützt und unsere Arbeitsplätze sichert, das ist der Kern unseres Engagements". Bisher hatte sich der Nachbar Deutschlands gegen eine Lockerung beim Verbrenner-Aus positioniert.
Dröge: "Merz und Macron opfern die Klimaschutzziele im Verkehr"
Aus der deutschen Opposition kommt hingegen scharfe Kritik. Grünen-Fraktionschefin Dröge sagte der Nachrichtenagentur dpa, Bundeskanzler Merz schaffe mit dem Deal einen zusätzlichen "Bremsklotz" für die deutschen Automobil-Standorte. Stattdessen müsse man "mit voller Kraft" in das E-Auto investieren und in Zukunftstechnologien wie Batterietechnik und verbraucherfreundliches Laden. "Gerade einmal zehn Wochen nach dem heißesten Sommer und den größten Waldbränden in Europa opfern Merz und Macron die Klimaschutzziele im Verkehr", erklärte Dröge.
Gegenwind kommt ebenso von Umweltverbänden. Die Organisation T&E (Transport and Environment) bezeichnete die Einigung als "Zugeständnis" an die Vorstandsvorsitzenden der Automobilindustrie. Das deutsch-französische Positionspapier schwäche die Nachfrage nach Zukunftstechnologien aus Europa "massiv".
Positionspapier lobt "regulatorische Flexibilität"
Deutschland und Frankreich machen sich für eine Abkehr vom sogenannten Verbrenner-Aus für Neuwagen bis 2035 stark. Das Paket zur "Sicherung der Zukunft der europäischen Automobilindustrie" verbinde den "ehrgeizigen europäischen Dekarbonisierungspfad mit der nötigen regulatorischen Flexibilität", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die noch zahlreiche Details offenlässt.
Nach dem deutsch-französischen Plan soll das CO2-Reduktionsziel für Neuwagen von bisher 100 auf 90 Prozent sinken, ohne dass weitere Ausgleichsmaßnahmen erforderlich wären. Das abgeschwächte Ziel kommt den Wünschen der deutschen Automobilhersteller entgegen. Diese könnten damit auch nach 2035 neue Benzin- und Dieselfahrzeuge absetzen. Bedingung wäre nur, dass ihre Neuwagenflotte den - großzügiger bemessenen - Grenzwert nicht überschreitet. Der bisherige Vorschlag der EU-Kommission hatte bereits eine Reduktion der Emissionen um lediglich 90 Prozent im Vergleich zu 2021 vorgesehen - jedoch mit Ausgleichsmaßnahmen für die verbleibenden zehn Prozent.
Lieferketten sollen robuster werden
Beide Länder fordern konkrete Anreize für Investitionen, Forschung und Entwicklung in Europa. Konkret wollen sie den Anteil in der EU produzierter Autobauteile schrittweise erhöhen und die Lieferketten widerstandsfähiger machen. Man müsse sicherstellen, dass Europa beim globalen Wandel der Automobilbranche eine führende Rolle einnehme, schreiben die Regierungen in Berlin und Paris in ihrem Papier.
Die Verständigung der beiden größten Volkswirtschaften dürfte es der Europäischen Union erleichtern, auf diesem Feld voranzukommen. Die 27 Mitgliedstaaten könnten sich bis Dezember auf eine Linie verständigen. Danach würden Verhandlungen mit dem EU-Parlament folgen, wo die Meinungen zwischen den Fraktionen noch weit auseinander liegen.
Diese Nachricht wurde am 16.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
