Dlf 29.07.2026
02:02 Uhr

Berlin - CSD-Anschlag wieder kurz vor Wahlen: Politik prüft Zusammenhang


Der Zeitpunkt des CSD-Anschlags kurz vor anstehenden Wahlen hat erneut Manipulationsbefürchtungen in der Politik ausgelöst.

Berlin - CSD-Anschlag wieder kurz vor Wahlen: Politik prüft Zusammenhang
Der Interims-Unionsfraktionschef und Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hoffmann, erklärte im Deutschlandfunk, es sei natürlich schon ein Stück weit auffällig, dass das Ganze häufig im Umfeld von Wahlen stattfinde. Da habe man aber noch keine genauen Erkenntnisse. Man erlebe, dass Radikalisierung im Netz mittlerweile offenkundig zielgenau funktioniere - nämlich im Verborgenen und unter anderem auch mit einer Dynamisierung.
Ähnlich hatte sich auch Bundesinnenminister Dobrindt, ebenfalls CSU, geäußert. Dem Sender RTL sagte er mit Blick auf den Anschlag und die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September: "Wir wissen, es gibt fremde Mächte, die Interesse an Destabilisierungsmaßnahmen haben, aber es gibt schlichtweg keine Bestätigung dafür, dass es Zusammenhänge gäbe". Ähnlich äußerte sichDobrindt im ZDF.

SPD spricht sogar von "heftiger Auffälligkeit" von Anschlägen vor Wahlen

Der innenpolitische Sprecher der SPD, Fiedler, sprach sogar von "heftiger Auffälligkeit" bei Anschlägen "unmittelbar vor Wahlen" seit 2024. Darüber werde kaum diskutiert, kritisierte er im Sender Phoenix. Als Beispiel verwies er auf die Anschläge von Solingen, Mannheim, München oder Berlin. Man wisse bei diesen Fällen viel über die Tätermotivation, aber über die Hintermänner gar nichts. Fiedler fügte hinzu, was man aber auch wisse, sei, dass Russland gegen Europa und insbesondere Deutschland eine hybride Kriegsführung und eine erhebliche Einflussoperation betreibe. Zudem wisse man, dass Russland Kontakte in dschihadistische Netzwerke unterhalte und über Stellvertreter agiere, um sein Handeln zu verschleiern, fügte der frühere Polizist hinzu. Ob das alles Zufall sei oder mehr, müssten die Nachrichtendienste beantworten. Dazu müssten sie rechtlich auf Augenhöhe mit ausländischen Partnern gebracht werden, forderte Fiedler.
Unterstützung kam vom früheren Bundesgesundheitsminister Lauterbach, ebenfalls SPD. Es sei in der Tat sehr auffällig, dass es unmittelbar vor Wahlen mehr Anschläge gebe, teilte er mit. Auch Lauterbach hält es für "sehr denkbar, dass ausländische Kräfte hier einwirken".

Destabilisierung demokratischer Staaten als Ziel

In solchen Zusammenhängen wird meist Russland in den Fokus gerückt. Vor allem den Geheimdiensten des Landes wird unterstellt, Kampagnen in der digitalen wie in der analogen Welt zu betreiben, um die politischen Systeme im Westen zu schwächen. Über derartige Vorgehensweisen wird schon seit Längerem immer wieder berichtet. So schrieb etwa die Süddeutsche Zeitung über Provokateure, die von Russland geleitet gewesen seien. Diese hätten sich in Paris unter anderem beim Sprayen von Parolen an Hauswände gefilmt, um damit vor den Wahlen in der Türkei im Westen Ressentiments gegen den Islam zu schüren.
Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass Inhalte in den Sozialen Medien verbreitet werden, die die Propaganda von Extremisten verstärken. Als ein Angriffspunkt für solche Beeinflussungen gilt der sogenannte stochastische Terrorismus. Wie Dlf-Redakteur Kolja Unger im Deutschlandfunk erklärte , geht es dabei darum, dass eine kritische Masse an potenziellen Tätern mit menschenfeindlichen Bildern, Narrativen und Gewaltphantasien gegen bestimmte Personengruppen aufgehetzt wird. Dahinter stehe das Kalkül, dass einer von diesen potenziellen Tätern sich dadurch berufen fühle, eine Gewalttat wirklich zu begehen.

Terrorismusforscher Peter Neumann hat keinerlei Hinweise auf russische Aktivitäten

Wie Unger weiter ausführte, werde mit gezieltem Hass im Netz die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass so etwas wie der Anschlag auf den Berliner CSD am Samstag passiert. Da beim stochastischen Terrorismus aber nicht systematisch geplant werde und es keine direkten Befehle gebe, wie der Anschlag auszuführen sei, bleibe den Behörden nur, gegen Einzeltäter zu ermitteln - obwohl der Tat ein klares Muster zugrunde liegt.
Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College sagte dem Deutschlandfunk, er habe keinerlei Hinweise auf russische Aktivitäten. Das gelte speziell im Zusammenhang mit dem aktuellen Anschlag.

Islamisten verbreiten Verschwörungsideologien über "Inside Jobs"

Gleichzeitig verbreitet die islamistische Szene derzeit Narrative, wonach es sich bei dem CSD-Anschlag um einen 'Inside Job' gehandelt habe. Verschwörungsideologien werden in der Regel nach jedem Anschlag verbreitet. Immer wieder finden Behauptungen ohne Belege Verbreitung, eine Tat sei von bestimmten Kräften im Hintergrund lanciert worden, um andere dafür verantwortlich zu machen. "Cui bono" - "wem nützt" der Anschlag, lautet die gestreute Frage. Ziel ist eine Polarisierung der Gesellschaft, von der man sich politischen Profit verspricht.
Inzwischen haben die Berliner Ermittler ein Bekennervideo auf dem Handy des mutmaßlichen Attentäters gefunden, in dem dieser seine Treue zum IS bekundet.
Diese Nachricht wurde am 29.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.